„Hommage an Elphi“

ArtEgo Künstlergruppe

Eröffnungsrede

 29.  März 2017

In meiner Kindheit war das imposanteste Gebäude in Hamburg für mich das Plaza-Hotel am Dammtorbahnhof. Heute heißt der Wolkenkratzer Radisson-Hotel, glaube ich.

Ein Hochhaus als Solitär. Im Anblick ohne Konkurrenz weit und breit. Ich bin in einem Vorort großgeworden, in die Stadt ging es als Kind nur selten und die Fahrt dauerte lange. Aber wenn ich dann von den karierten Rücksitzen unseres

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aus dem Fenster das Plaza Hotel sehen konnte, dann wusste ich:

Ah, da vorne, da ist die richtige City!

Gleich sind wir da und der Spaß kann beginnen. Erst zu Spielzeug Rasch, die Carrerabahn bekucken und dann zu Daniel Wischer in die Fischbratküche, was Paniertes mampfen und mit Fassbrause runterspülen. Zwischendurch natürlich was Lästiges: Hose kaufen oder so. Danach vielleicht nochmal zu Brinkmann. Brinki hatte immer das beste Schaufenster und die neuesten Bonanza-Fahrräder.

Die Elbphilharmonie zeigt allen Schiffen, die die Elbe rauftuckern an, dass sie jetzt in Hamburg richtig angekommen sind. Die „Ohs“ und „Ahs“ auf den Decks der Kreuzfahrtschiffe sind vorprogrammiert. Hamburg, eine Handels- und Medienstadt begrüßt seine auf dem Seeweg anreisenden Gäste mit einem Kulturdenkmal. Den Hanseaten, eigentlich immer durch ein bisschen „Pfeffersack“ beduftet, umweht nun die elegante Heiterkeit eines Musikus. Dazu noch die beiden Theater vom „König der Löwen“ und dem „Wunder von Bern“. Vielleicht noch eine Luxusyacht in der Werft. Die Kreuzfahrer müssen als erstes denken, dass bei uns in Hamburg Savoir Vivre angesagt ist. Wir geben also ein gutes Entrée ab.   

Im praktischen Betrieb hat es bislang wenige Beschwerden gegeben. Die Praktiker bemängeln die langen Schlangen vor der Damentoilette. Klemmi ist also angesagt. Problematisch für die Gastronomie. Beim zweiten Besuch zischen sich die Damen vor dem ersten Ton bestimmt keinen zweiten Piccolo mehr rein. Das muss noch anders werden. Die Probleme mit dem Café Keramik erinnern übrigens an das Opernhaus in Sydney. Dort hatte man bei der Planung die Installation von Toiletten einfach mal weggelassen, weil es sowieso diverse bauliche Heldentaten bei der Realisierung geben musste. Übrigens gibt es noch weitere Parallelen mit dem Opernhaus von Sydney: Verzehnfachung der Kosten und 8 Jahre Bauzeitverzögerung.

So, und jetzt gehen wir mal in uns und überlegen, was wir bei dem Städtenamen Sydney als Erstes vor unserem inneren Auge sehen … also, ich sehe da auch das Opernhaus vor mir, diese seltsame verschalte segelförmige Dachkonstruktion.

Wie sieht es aus mit Paris? Triumphbogen oder Eiffelturm, würde ich sagen.

Berlin: Brandenburger Tor. Mailand: Der Dom ….

Tja, und bei Hamburg in Zukunft? Ich meine jetzt nicht unbedingt den Hamburger. Was wird der Nichthamburger vor dem inneren Auge visualisieren, wenn er den Städtenamen Hamburg hört?

Ich sage Euch: Michel, Rathaus, Labskaus und Reeperbahn sind nicht mehr angesagt.

Der Nichthamburger wird in Zukunft bei dem Städtenamen Hamburg die Elbphilharmonie visualisieren und nicht Fischmarkt, Michel, Neuer Wall oder Große Freiheit.

Wikipedia hat 60 deutschen Städten Wahrzeichen zugeordnet. Bei Hamburg wird als erstes jetzt schon die Elbphilharmonie genannt, dann der Hamburger Michel, das Rathaus und die Landungsbrücken.

Gebt doch mal bei der New York Times oder bei El Pais oder bei Le Monde einfach mal „Hamburg“ ein. Überall ist die Elbphilharmonie zu sehen.

Ich habe auf der Chinesischen Suchmaschine BAIDU Hamburg eingegeben und auf „Bilder“ Gedrückt. Ergebnis 6 x Bilder vom Rathaus und 6 x Bilder von der Elbphilharmonie.

Oben in der Leiste wird als 2-wichtigster Knopf „Hamburg Concert Hall“ angegeben. Dann da mal draufdrücken, Ergebnis: 18 Bilder Elbphilharmonie und nur 2 x Musikhalle bzw. Laeiszhalle.

Im Ergebnis haben wir also ein neues Wahrzeichen in der Stadt, um nicht zu sagen, DAS neue Wahrzeichen der Stadt. Hamburg stellt sich der Welt mit einem neugeschaffenen Kulturdenkmal vor. Das ist für mich die Hauptfunktion der Elbphilharmonie. Nun gut, die Hütte hat bummelig mit allem Drum und Dran 900 Millionen gekostet, aber wenn das die Visitenkarte von Hamburg für die Welt ist, dann kann man das akzeptieren.

Das Burj Kalifa, das höchste Gebäude der Welt, hat fast das Doppelte gekostet. New York musste ja auch neu bauen, nachdem die Friedensflieger vom 11. September da waren. Das Gebäude One World Trade Center, der Ersatz für die Twin Towers, hat das Vierfache der Elbphilharmonie gekostet.

Wenn also die Elbphilharmonie zukünftig das Testimonial von Hamburg ist, dann ist sie auch bildwürdig.

Und deswegen sind wir heute hier.

Also, liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste, willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity. Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das herzlichste begrüßen zur 29. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

Die Ausstellung steht unter dem Motto

„Hommage an Elphi“

und ist von heute an bis zum 24.April in der Kunstkantine zu sehen. Es mag zwar schon die 29. Ausstellung sein, aber sie ist auf der anderen Seite auch eine Premiere.

Zum ersten Mal zeigt die Kunstkantine eine Gemeinschaftsausstellung. Alle ausstellenden Künstler sind Mitglieder der Gruppe ArtEgo, eine Gruppe, die sich regelmäßig in der Kunstkantine trifft und sich nun thematisch zu einer „Hommage an Elphi“ verbunden hat.

Ein ganz wunderbares Projekt. Der Gruppenname ArtEgo setzt sich zusammen aus „Art“, also Kunst, und „Ego“ für Mensch. Gemeinschaftsausstellungen von Künstlergruppen haben eine große Tradition. Meist sind es Gruppen, die sich auf eine bestimmte Stilrichtung geeinigt haben. Beispielsweise hatten wir in der 26. Ausstellung Dieter Asmus, der sich in den 60er Jahren mit anderen Malern zusammentat, um mit der Gruppe „Zebra“ gegen das Stildiktat der Abstraktion zu opponieren und eine neue Gegenständlichkeit ausrief. 

ArtEgo ist offen und hedonistisch. ArtEgo schreibt als „Mission Statement“: „Jeder Künstler ist willkommen. Ob Tänzer oder Bildhauer, Musiker oder Schauspieler, Autor oder Maler, Artist oder Sprachkünstler! Wir wollen uns zusammentun, vernetzen und uns so gegenseitig unterstützen.“

Hier scheinen sich zwei gefunden zu haben. Auch die Kunstkantine gibt sich abwechslungsreich:  Neben Ausstellungen gibt es hier neuerdings auch Theater- und Wissenschaftsabende, Lesungen und Konzerte sowieso. Die Kunstkantine ist zwar kein Kulturdenkmal, aber sie ist zwischenzeitlich auf dem Weg ein Kulturbetrieb zu werden. ArtEgo und die Kunstkantine, dass scheint jetzt und in Zukunft ein amüsanter und kreativer Garten zu werden. Die Ausstellung „Hommage an Elphi“ ist insofern vielleicht eine der „ersten Blüten“.

Claude Monet hat 18 impressionistische Heuhaufen gemalt. Wenn man die alle in eine Ausstellung hängen würde, ließe sich eine gewisse Eintönigkeit nicht bestreiten, Meisterschaft hin oder her.

ArtEgo hat sich zwar auf ein Motiv geeinigt, aber die Ausarbeitung könnte abwechslungsreicher kaum sein. Von der klassischen Stadtansicht über Collagen bis zu Fotokunst ist erst einmal alles dabei. Aber es gibt auch Werke, die das Thema noch spielerischer und abstrahierender angehen.

An dieser Stelle möchte ich alle Gruppenmitglieder zu ihrer Kreativität beglückwünschen und mich im Namen der Kunstkantine für die Einreichung der Arbeiten bedanken. Ich hoffe, alle sind mit der Hängung einverstanden und jeder sieht sein Werk angemesssen präsentiert.

Ihr habt ganz schön was gemacht, aus dem alten Speicher mit Glasaufbau.

Der Kaiserspeicher, also der untere Teil des Gebäudes war nichts weiter als ein hässlicher Klotz. Er war Anfang der Sechziger gebaut worden und Anfang der Siebziger hatte er wegen der aufkommenden Container-Wirtschaft immer weniger Ausnutzung. Anstatt das Ding abzureißen und für die Elbphilharmonie einen Neubau hinzustellen, kam man auf die grandiose Idee, die Elbphilharmonie auf den mittlerweile marode gewordenen Kaiserspeicher drauf zu basteln, womit man sich natürlich diverse Schwierigkeiten einhandelte. War das richtig, meine Damen und Herren? Ich habe das immer kritisch gesehen.

Unser Ex-Bundespräsident Gauck hat zur Kombination Folgendes verlautbaren lassen:  

„Die Elbphilharmonie ist für mich auch ein Bau, der unserer offenen Gesellschaft entspricht. Ihre Architektur führt Unterschiedliches zusammen, ohne es gleichmachen zu wollen.“

Ich darf das nochmal wiederholen:

„Die Elbphilharmonie ist für mich auch ein Bau, der unserer offenen Gesellschaft entspricht. Ihre Architektur führt Unterschiedliches zusammen, ohne es gleichmachen zu wollen.“

Der Spruch ist so weise, dass ich ihn gar nicht erst verstehe: Die Architektur entspricht der offenen Gesellschaft? Unten Malocherbau, oben Glaspalast – das entspricht doch nicht einer offenen Gesellschaft. Eher der Klassengesellschaft nach Marx´schem Modell: Unten im Speicher schuftet der Stauerfiez, oben im Glaspalast amüsiert sich die Bourgoisie, also auf dem Rücken des Proletariats.

In gesellschaftlicher und sozialer Hinsicht ist die Elbphilharmonie eher ein Dokument der Wandlungsfähigkeit des Hafenareals.

Es ist, dies wird niemand ernsthaft bestreiten, eine Wandlung zum Elitären: Klassische Musik, ein Luxushotel und Wohnungen für Privilegierte mit Quadratmeterpreisen bis zu 35.000 Euro – das spielt sich im inneren der Elbphilharmonie ab.

Ich hatte eigentlich ein paar autonome Protestler und Farbbeutelwerfer zur Eröffnung erwartet.

„Mit der Elphi sind sie fix, für die Bildung tun sie nix“ oder so, war aber nicht.

Kein schwarzer Block zu sehen. Dafür regelmäßige Einträge im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Wer hier im Saale das nötige Kleingeld hat, möge sich eine Wohnung dort kaufen, damit fiskalisch mal was rückflüssig wird.

Die Wohnungen werden möbliert verkauft. Man muss da nicht seine Waschmaschine durchs Treppenhaus schleppen. Die Fenster im Schlafzimmer kann man zwar nicht aufmachen, aber jede Bude hat mindestens 1 Loggia mit Schiebetür. Die ist zwar so klein, dass man darauf nicht grillen kann, aber ein paar Bierkästen lassen sich schon stapeln, für die Feier vom Sparclub. Sehr praktisch, über die Hälfte der Wohnungen sind deshalb schon verkauft.

Für die kleinere Geldbörse empfehle ich den Kauf eines der Werke, die ihr hier seht. Das neue Wahrzeichen der Stadt, gekauft in einer Galerie in der HafenCity, zeitlich zuzuordnen der Eröffnung der Elbphilharmonie, ein Werk aus dem Repertoire einer Hamburger Künstlergruppe, die sich exklusiv mit dem Thema beschäftigt hat. Authentischer lässt sich doch ein plötzlich aufkeimender Kaufimpuls gar nicht bedienen. Wir erreichen mit dieser Ausstellung also Trophäenniveau. Jeder wird sich zukünftig noch an die Zeit der Eröffnung der Elbphilharmonie erinnern können.

Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die übrigens in Hamburg geboren ist, denkt sogar an spätere Generationen und postmortalen Stolz:

„Eines Tages werden wir alle sehr stolz sein, dass auch zu unseren Zeiten mal etwas gebaut wurde, wo Menschen vielleicht in 50 und 100 Jahren noch sagen: Guck mal, das war damals im Jahr 2017.“

Nochmal, Frau Merkel glaubt offenbar an ein Leben nach dem Tod, beziehungsweise an eine Reinkarnation. Auf das „WIR“ kommt es an.

„Eines Tages werden wir alle sehr stolz sein, dass auch zu unseren Zeiten mal etwas gebaut wurde, wo Menschen vielleicht in 50 und 100 Jahren noch sagen: Guck mal, das war damals im Jahr 2017.“

Kaufen sie also möglichst noch heute den Beleg für Ihren postmortalen Stolz. Ansprechpartnerin für den Kunsterwerb ist für die Zeit der Ausstellung meine Frau Nissi, die Initiatorin und Namensgeberin der Kunstkantine.

Aber es gibt auch ein Leben vor dem Tod und dieser Abend ist ein Teil davon.

Die ideenreichen Künstler von ArtEgo haben ihn mit ihren Werken vorbereitet, die Kantine hat den Wein kaltgestellt, der Keynote-Speaker hat seine Rede geschrieben und nun hat er sie auch vorgetragen.

Ich sage vielen Dank fürs zuhören und wünsche einen zauberhaften Abend.

 

Bernd Roloff