„Geboren in Arkadien“

Sabine Asgodom

Eröffnungsrede

Laudatio Sabine Asgodom, Nissis Kunstkantine, 17.01.2020

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

 

willkommen im Arkadien der HafenCity. Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen zur 59. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

 

Zu meiner Rechten meine Assistentin Betty. Auch gelegentlich situativ Moneypenny oder Uhura genannt. Stammgäste wissen, was ich meine. Betty ist heute mal sie selbst und wird meinen ausschweifenden Vortrag im Analogmodus durch das Hochhalten von Exponaten unterstützen. Wer braucht einen Beamer, wenn er Betty hat!

 

Diese Ausstellung gilt den Werken von Sabine Asgodom. Sie steht unter dem Motto

 

„Geboren in Arkadien“.

 

Bei unserer letzten Laudatio, sehr verehrtes Publikum, hatten wir euch nach Molwanien, dem Land des schadhaften Lächelns, entführt. Eine ruppige Gegend, bekannt für Keuchhusten und Rote Bete. Die Molwanier trinken deswegen  hochprozentigen Schnaps aus Wassergläsern und prosten sich zu mit dem traditionellen Trinkspruch

 

„Jetzt gibt’s Stunk“.

 

Jetzt geht es aber von Molwanien nach Arkadien.

 

Arkadien, meine Damen und Herren, was ist das und wo ist das?

 

Arkadien bezeichnet zunächst eine Landschaft in Griechenland auf der Halbinsel Peloponnes.

 

Es soll sich um eine abwechslungsreiche, vor allem aber felsige Gegend handeln. Ich sehe da so Hirten vor mir, die eine Herde von Schafen oder irgendeinem Getier über felsige Hügel treiben. Im Gebirge können die Winter in Arkadien – so sagt man – so kalt sein, dass selbst die Schlangen in ihren Löchern erfrieren.

 

Sabine interessierte sich für die Gegend. Ahnenforschung ist ja im Moment sehr in Mode. Sabine spürte der Ahnenreihe mütterlicherseits nach und es fand sich tatsächlich ein Hofmaler darin. Einer Familiensaga zufolge hatte ihr Urururgroßvater, der im Hofstaat des Herzogs Friedrich Wilhelm I. von Oels auf einer Studienreise nach Griechenland seine große Liebe gefunden und seine griechische Frau mit nach Hause genommen. „Daher hast du deine griechische Nase“, wurde Sabine als kleines Mädchen immer geneckt.

 

Auf einer Bustour durch Arkadien, auf der es ununterbrochen regnete, entstanden dann experimentelle Fotos, in denen Arkadien durch Regentropfen hindurch leuchtet:

 

Irgendwer hat vor undenklich langer Zeit angefangen, Arkadien zu einem Sehnsuchtsort mit paradiesischen Standortfaktoren zu erklären. Sabine hörte zum ersten Mal von ihren Eltern, die beide Lehrer waren, als Schulkind von Arkadien.

 

Die Natur üppig, das Leben leicht und von gesellschaftlichen Zwängen befreit. In Arkadien, meine Damen und Herren, als virtueller Sehnsuchtslandschaft, herrscht immer Hochstimmung, weil es dort so schön ist. Mein Vorstellungsvermögen in Sachen schöne Landschaften ist beschränkt. Ich bin nicht gerne draußen, höchstens mal am Strand. Landschaft habe ich am Liebsten als Malerei.

 

Sabine schreibt mir zum Thema „Arkadien in echt“ das Folgende:

 

„Auf meiner Fahrt durch Arkadien im letzten Oktober hat die Stimmung mich sehr eingefangen, es hat aus Fässern geregnet, da war nichts Liebliches. Aus dieser Stimmung habe ich mehr als 600 Fotos gemacht. Sie zeigen die hinter den klaren Wasserströmen auf der Scheibe vorbeihuschende Landschaft.“

 

Aber assoziieren wir doch einfach mal dramatische Sonnenuntergänge, lauwarmes Wetter, rustikale, dennoch samtweiche Kleidung, die wir in folkloristischer Weise an uns gegürtet haben, handschuhweiche Schuhe, mit denen wir über weiches Moos spazieren usw. Sozusagen Idylle ohne Gülle. Wir haben ja Fantasie.

 

Wir sind selbstverständlich in gehobener Lebensfreude und parlieren mit unserer attraktiven Begleitung über ein wichtiges philosophisches Thema, das Weltentheater und die Unendlichkeit. Dann finden wir am Wegesrand

 

einen Totenschädel mit Loch im Kopf.

 

Wahrlich ein interpretationsträchtiges Werk. Es heißt „Et in Arcadia ego“. „Auch ich bin in Arkadien“. Gemeint ist der Tod. Der Totenkopf als Symbol des Todes. Es stammt von Giovanni Francesco Barbieri, genannt „Der Schieler“, weil er Probleme mit dem rechten Auge hatte. Immer, wenn das poetische Arkadien zum Thema wird, kommt auch dieses Gemälde ins Spiel und der Satz „Et in Arcadia ego“.

 

Bedenke, dass du sterblich bist, ist die Botschaft des Bildes. Wir sehen die beiden Hirten links beim intensiven Bedenken, dargestellt mit ebenmäßigen Konturen, aber mit melancholischem Gesichtsausdruck.

 

Sie sinnieren darüber, dass die Party bald zu Ende sein könnte. Das Leben als temporärer Sieg über den Tod. Wie lange habe ich noch? Geht es schnell oder muss ich mich quälen? Wird man morgen von Asteroiden umgebracht oder stirbt man am Herzschlag beim Hockerturnen im Pflegeheim?

 

Betty sagte, als wir bei dieser Negativ-Amplitude ankamen:

 

Wie gut, dass man das nicht weiß.

 

Man sollte auch gar nicht erst darüber nachdenken. Jetzt, meine Damen und Herren, geht die Party erst richtig los. Sabine Asgodom ist Buchautorin, Coach und Superspeakerin, die Stadthallen füllt. Und jetzt hat sie sich wieder neu erfunden als Künstlerin in der Malerei und Fotografie. Ihre Lieblingsmaler sind Yves Klein, Cy Twombly und Gerhard Richter. Sabine Asgodoms Werke wurden in den letzten Jahren auf mehreren internationalen Ausstellungen gezeigt, z.B. auf den Kunstmessen in Salzburg, Zürich und München und sogar auf einer Kunstmesse 2019 in Hongkong. Jetzt, meine Damen und Herren, macht sie mit ihren Werken Station bei uns in der Kunstkantine.

 

Schönen Dank, liebe Sabine, dass wir deine Werke zeigen dürfen.

 

Kommen wir zunächst zu folgendem Werk:

Es wurde uns zunächst als „Greek Autumn“ vorgestellt. Über das paradiesische Arkadien erzählt man sich, dass die Wolle schon gefärbt am Schaf hängt. Dieses Werk imponiert ebenfalls mit wunderbarer Farbigkeit in den – der ursprüngliche Titel sagte es aus – Herbstfarben Griechenlands. Aber ist das nun ein abstraktes oder ein figuratives Gemälde? Für figurativ spricht: Farbenfrohes Blätterrauschen, meine Damen und Herren, allerdings nicht naturalistisch, sondern komponiert und sicherlich überfärbt.

 

Schwierigkeitsgrad durchaus hoch, dieses Verflochtene der Bildkomponenten stelle ich mir nicht einfach vor. Das Gemälde imponiert außerdem durch die Anmutung der Vollständigkeit. Es ist im besten Sinne des Wortes fertig, es gibt kein Warum und Wieso und man will nichts hinzufügen.

 

Wenn wir bei der figurativen Einschätzung bleiben, wo gibt es in der Kunsthistorie Vergleichbares? Ich würde sagen, man könnte sich mit einem Vergleich mit Rousseau anfreunden. Hier haben wir das Werk „Sturm im Dschungel“:

 

Denkt man sich den Tiger weg und komprimiert die Vegetation, dann bekommt man einen „Dschungelherbst“ hin. Durchaus eine aktuelle Vorstellung. Es läuft ja wieder das „Dschungelcamp“ bei RTL. Diese Sendung hat sicherlich den Zenit ihrer Beliebtheit überschritten, befindet sich also im Dschungelherbst. Und was soll ich euch sagen? Während wir bei der Formulierung dieser Laudatio zu Gange waren, wurde das Gemälde „Greek Autumn“ auf einmal umgetauft in „Das Leben ist ein Dschungel“, ohne das ich mit Sabine darüber gesprochen hätte. Manchmal glaube ich an Telepathie.

 

Mit ähnlicher Technik kommt bei Sabine „Meditation in blaugrün“ daher:

 

Ist das noch figurative Malerei? Was, liebe Blumenfreunde, hat so einen schnabelartigen Blütenstand? An die Freunde des Kreuzworträtsels: Ein Berg der griechischen Götter der mit H anfängt und mit kon aufhört. Richtig, der Berg heißt Helikon und die Blume heißt Helikonie.

 

Also, meine Damen und Herren, abstrakte Malerei oder verdichtete und umgefärbte Helikonien? Die Frage kann natürlich offen bleiben.

 

Bedenken Sie, dass Sie bei Kauf eines dieser Werke zugleich einen Diskussionsgegenstand kaufen. Abstrakte oder figurative Malerei. Da kann man drüber diskutieren. Das ist sehr wichtig, wenn Besuch kommt. Man hat ein unverfängliches Thema. Eben einmal nicht die Klimaproblematik, Migranten oder Mullahs mit Raketen. Und Sie können gebildet parlieren. Stammt das erste abstrakte Gemälde nun von Wassily Kandinsky 1911 oder war Hilma af Klint 1908 früher dran?

 

Denken Sie an unsere beiden arkadischen Schäfer und bedenken Sie, dass sie eines dieser Kunstwerke zunächst kaufen müssen, bevor Sie schöngeistig parlieren dürfen.

 

Sabine malt, damit sich andere Menschen an ihren Bildern erfreuen können. Sie schreibt mir:

 

„Ich freue mich über Resonanz. Ich habe viele Bilder verkauft, die Menschen einfach gefallen haben, eins explizit, weil es so gut zur Couch passt, mehrere weil sie zu den Firmenfarben von Unternehmerinnen passten. Ich freue mich, wenn meine Kunst sich einfügt ins Leben von Menschen, ihnen Freude gibt und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich will Energie weitergeben. Denn davon habe ich eine Extraportion. Das ist eine Parallele zu meiner Rednertätigkeit, auch da geht es um positive Energie.“

 

In diesem Kontext ist Betty und mir dieses Gemälde“ aufgefallen:

 

Einen Titel hatte Sabine uns noch nicht genannt. Wir hätten es „Made in Germany“ betitelt? Die Farben der Deutschlandfahne Schwarz, Rot, Gold haben, wenn man etwas nachforscht, ursprünglich einen veralteten historisch-militärischen Hintergrund. Bei Sabines Gemälde sind Schwarz und Gold drin. Allerdings müssen wir es einmal umdrehen, um die Assoziation mit der Deutschlandfahne zu verstärken.

 

Anstatt eines tumben Rots gibt’s hier Zwischentöne. Rot steht ja für die SPD, die ist im Moment gar nicht gefragt. Stattdessen haben wir hier etwas Bläuliches. Steht für Stahl und Industrie. Dann kommt das Pink für die Gay-Community und danach Orange für die Saniyasins, bzw. für die Stadtreinigung.

 

Und schließlich haben wir dann das Gold. Gold ist ja immer positiv besetzt. Damit haben wir keine Probleme. Da fällt jedem was zu ein. Gun and Goose. Die Gans, die goldene Eier legt, der Mann mit dem goldenen Colt usw. Übrigens ist der Goldpreis fast beim Alltime-High.

 

Wenn Sie das Bild so, also im Grunde genommen verkehrt herum aufhängen, haben Sie auch wieder Gesprächsstoff. Wenn einer rummeckert, dass die Signatur auf dem Kopf steht, behaupten sie einfach, dass Baselitz das auch so macht. Oder Sie hängen mit Ihrem Gast das Bild dann richtig herum auf. Eine Aktion, die sicher ihnen beiden in vergnüglicher Erinnerung bleibt.

In letzter Minute hat Sabine das Gemälde nun „Stage – Auf der Bühne des Lebens“ betitelt. Damit sind unsere fruchtbaren Assoziationen in puncto Deutschlandfahne zunichte gemacht. Hier kann man mal sehen, wie der Bildtitel die Interpretation beeinflussen kann.

 

Nicht nur die Betitelung sondern auch die Werkschaffung verläuft bei Sabine im Flow. Zur Erinnerung: Es gibt 2 Arten von Malern. Der eine Typ denkt ans Ergebnis und will fertig werden, bei dem anderen ist der Weg das Ziel, das Malen selbst. Da bekommt er sein Alltime-High.

 

Sabine schreibt mir:

„Ich bin der Flow-Typ. Denn meine Bilder malen sich von selbst. Zu Anfang verlangen sie mit klarer Stimme nach einer Leinwand, sie bestimmen die Größe. Dann lassen sie mich Farben aussuchen. Sie lassen mich nach dem passenden Pinsel greifen. Und dann führen sie meine Hand – und es entsteht ein Bild mit Hilfe meiner Hand vor meinen staunenden Augen.

Im Malvorgang fließt unendlich viel Energie. Nein, Malern ist für mich nicht entspannend. Ich bin konzentriert, fokussiert, werde zur Furie, die mit Farbfontänen wirft. Und das alles in einer Art Trance. Kein Gedanke wandert von dem Akt des Malens davon, nichts und niemand schiebt sich dazwischen. Absolute Präsenz und Präzision.

Nachdem ein Bild fertig vor mir steht, bin ich erschöpft, mir fließt der Schweiß in Bächen aus den Haaren den Rücken hinunter. Ich muss mich setzen, weil die Knie schwach geworden sind. Ich atme tief wie nach einem langen Lauf und kehre langsam in die Wirklichkeit zurück.“

Sabine teilt das menschliche Wirken in Komfortzone, Risikozone und Panikzone ein. Komfortzone ist das, was man immer so macht und was man beherrscht.

 

In der Risikozone befasst man sich mit etwas, wovon man noch nicht allzu viel versteht, wo man aber hin will und sich ausprobieren möchte.

 

Und in der Panikzone ist das ganz kalte Wasser, in das man hineingestoßen wird und wo es heißt: Sink or swim.

 

Sabine schreibt mir:

 

„Von mir ist als Rednerin bekannt, dass ich mit Sprache Bilder erzeuge, die meine Zuhörer Jahre lang nicht vergessen.“

 

Betty, nun halt doch mal was hoch, was bildnerisch der Panikzone entspricht!

 

Wir sehen hier das ganz kalte Wasser, in dem man schwimmt. Aber Achtung, wir können auch noch Besuch von einem weißen Hai bekommen. Um es mal so zusagen: Bei den Jahressteuererklärungen kommt man schon ins Schwimmen, aber wenn sich der Steuerprüfer ankündigt, wird die Sache richtig kompliziert.

 

Das ist dann die Panikzone.

 

Die Malerei bezeichnet Sabine für sich schon als komfortable Risikozone. Sabine musste aus bestimmten Gründen etwas für sich selbst tun. Ihr fiel dann sofort das Malen ein. Sie schrieb mir:

 

„Als Schülerin habe ich sehr gern gemalt. Doch die ständige Kritik der Lehrer, das Verbot der Individualität, hat mir den Spaß daran verdorben.“

 

Nun hat sie wieder Spaß und gibt Spaß weiter. Meine Damen und Herren, diese Ausstellung hat alles zu bieten! Experimentelle Fotografie mit dem Reiz des Rätselhaften, Figuratives bis Abstraktes in der Malerei, Gemälde mit Wallpower und dann das Endlos-Thema Arkadien, das zur Romantisierung anstiftet.

 

Bedienen Sie sich heute Abend ausgiebig am künstlerischen Büffet, das Sabine für Sie angerichtet hat und bedenken Sie, dass die Kunst von Käufern lebt. Folgen Sie spontan auftretenden Erwerbswünschen. Nehmen Sie ein Stück Arkadien zu sich nach Hause. Einen Touch Romantik kann Ihr Domizil immer gut gebrauchen.

Ich hoffe, ich war euch ein guter Hirte. Vielen Dank fürs Zuhören. Ich wünsche Euch einen schönen Abend und bis bald.

 

Bernd Roloff

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