„Hamburg durch meine Linse“

Jerzy Pruski

Eröffnungsrede

Laudatio Jerzy Pruski, Nissis Kunstkantine, 13.08.2019

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity!

 

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote-Speaker der Kunstkantine und darf Sie heute auf das Herzlichste begrüßen zur 54. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013. Wie man sieht, ist heute Fotografie das Thema. Es sind die Werke eines besonders lieben Freundes der Kunstkantine, nämlich die von

 

Jerzy Pruski.

 

Ein Keynote-Speaker, der etwas auf sich hält, hat auch immer eine charismatische Assistentin an seiner Seite. Bitte begrüßt mit einem Applaus meine blonde Granate Betty. Sie wird meinen Vortrag visuell durch das Hochhalten von Hardcopys unterstützen.

 

Meine Damen und Herren, in der Natur wächst Alles von innen nach außen und nicht umgekehrt. Besonders interessant ist deswegen immer die Frage, welchen Inhalt das erste Werk eines Künstlers hatte. Im Künstler steigt eine Vision auf. Das innere Bild will nach außen. Antrieb zur Werkschaffung ist vorhanden. Jetzt soll es losgehen mit der Kunst. Das Motiv entspricht der eigenen Stimmungslage. Genutzt werden die vorhandenen Ressourcen. Man arbeitet mit dem, was vorhanden ist und macht das Beste draus.

 

Jerzy hat seine ersten künstlerischen Aufnahmen schon mit 16 gemacht. An Ressourcen waren vorhanden: Zunächst ein altersbedingt hoher Testosteron-Spiegel. Vollen Saft hat man mit 16, meine Damen und Herren.

 

Betty, halt mal die Grafik hoch!

 

 

Die Grafik beginnt bei 20 Jahren. Wir dürfen davon ausgehen, dass der Testosteron-Spiegel eines 16-jährigen über den gepflegten Scheitel geht. Mit 80 hat man dagegen nur noch kalte Füße.

 

Neben genügend Testosteron hatte Jerzy noch eine 2. Ressource, nämlich seine erste Freundin. Was kommt nun bei diesem Ressourcen-Mix heraus?

 

Richtig vermutet: Aktfotografie!

 

Jerzy steigt also mit Aktfotografie in das Metier ein. Besser kann es doch gar nicht laufen, meine Damen und Herren, das verschafft doch den gewissen Schwung bei der künstlerischen Arbeit.

 

Selbstverständlich duldete die Liebste nur den klassischen Akt in Schwarzweiß, also nichts wirklich Erotisches.

 

Getreu dem Spruch von Coco Chanel:

 

„Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle.“

 

Im Hause Pruski fand man, dass die Fähigkeiten des Filius gefördert werden müssen und so bekam er von seinen Eltern ein komplettes Labor zum Entwickeln von Schwarzweiß-Fotos geschenkt. Das, so schreibt mir Jerzy, hat seine Leidenschaft und Neugier geweckt. Ich sehe young Jerzy vor mir, wie er gespannt in die Entwicklerschale guckt.

 

Die Liebste im Lichtgewand, wie sie sich langsam aus dem Fotopapier heraus entwickelt. Was für eine initiale künstlerische Erfahrung!

 

Immerhin haben wir hier wenigstens eine Art Aktfoto von Jerzy in der Ausstellung, nämlich ein Foto, dem man den Titel „Posteriora Kleinwagen“ geben könnte.

 

In den Kategorien der Aktfotografie ist das Foto unter das Genre „Teilakt im öffentlichen Raum“ zu verorten. Wo mag das Foto aufgenommen sein? Die sportliche jugendliche Straffheit spricht für Beachvolleyballerinnen. Wie man sieht, ein optisch hochattraktiver Sport. Keine Cellu ist zu sehen.

 

Jerzy liebt es ganz allgemein, Sportarten zu fotografieren. Sie sind für ihn eine Herausforderung wegen der schnellen Bewegungsabläufe. Ein Beispiel dafür ist dieses Foto hier, mit dem Titel „K.O“:

 

Da muss man draufhalten und im richtigen Moment mit der richtigen technischen Einstellung das Motiv ablichten. Der Moment kommt nicht wieder. Für mich ein tolles Foto, das die Tragik einer Niederlage wiedergibt. Der Boxer nicht ganz austrainiert, platt am Boden. Der Ringrichter (danke dir, Kalle!) vollschlank und mit verknittertem Hemd. Alles nicht so gut gelaufen.

 

Lassen wir mal Akt und Sport beiseite und widmen uns dem Hauptthema der Ausstellung. Der Titel der Ausstellung lautet:

 „Hamburg durch meine Linse“

In unserer Einladung haben wir formuliert:

„Diese Ausstellung darf sich niemand entgehen lassen, der den Perlenglanz von Hamburg liebt.“

„Perlenglanz von Hamburg“, meine Damen und Herren, hier lief euer Keynote-Speaker zur absoluten Höchstform auf. Hamburg, meine Perle! Das Stadionlied vom HSV, komponiert und getextet von Lotto King Karl. Auch nicht die Perle an sich, eigentlich eine belanglose Kugel, sondern ihr Glanz, der Perlenglanz von Hamburg.

Wie stellt man den sich vor? Nicht zu glänzend, das wäre Düsseldorf oder München, aber auch nicht zu duff, das wäre Schalke 04 im Kohlenpott. Wir brauchen was mit radianter Ausstrahlung, aber nicht zu flashy – wenn Sie wissen, was ich meine. Wie wäre es mit dem Foto „Eröffnung Elbphilharmonie“?

Vielleicht die moderne Stadtansicht von Hamburg überhaupt. Kein Mensch hätte Hamburg aus dieser Perspektive fotografiert, wenn dort nicht die Elbphilharmonie stehen würde. Wir erinnern uns, bevor es die Elbphilharmonie gab, stand dort nur der Kaiserspeicher. Betty, halt mal das Foto vom Kaiserspeicher hoch:

Ein absolut hässlicher Klotz. Eine Architektursprache des Brutalismus, entkleidet von jeglichem Perlenglanz. Dazu auch noch absolut nutzlos, weil für Stückgut und nicht für Container gebaut.

Jetzt haben wir es besser. Betty, halt noch mal Jerzys Foto hoch!

Jerzy schreibt mir zu dem Foto:

„Zwei Stunden vor Beginn der Eröffnung der Elphi hab ich mir bereits einen Platz gesucht, der ideal zum Schießen von Fotos ist. Solche Nachtbilder sind nur mit Stativ und viel Geduld möglich, denn es bedarf einer Belichtungszeit von mindestens 20 Sekunden pro Bild.“

Solche Geduld muss belohnt werden, meine Damen und Herren. In diesem Kontext darf ich daran erinnern, dass eine Vernissage nicht zuletzt eine Verkaufsveranstaltung ist. Kaufen Sie sich den neuen Perlenglanz von Hamburg zu Preis von 350 Euro im Format 70 x 100.

Sie machen damit keinen Fehler.

Handwerklich perfekt, moderne Perspektive, spektakuläre Momentaufnahme und Sie haben etwas zu erzählen, wenn Besuch kommt. Ein Nachtfoto von der Elphi am Eröffnungstag. Wunderbar, um im Gespräch zu bleiben und in jedem Fall unverfänglicher, als ein Akt- oder Nacktfoto jetzt in den Zeiten der politischen Korrektheit, in denen „Hamburg, meine Perle“ nicht mehr im Stadion gesungen werden soll.

Wer es ganz klassisch mag, interessiert sich vielleicht perlenglanzmäßig für Foto „Binnenalster“:

Gleicher Preis, gleiches Format, idealer Weise geeignet für den Haushalt im Vorort. Wenn dann Besuch aus Castrop-Rauxel kommt, hat man dann schon mal einen Teaser an der Wand, wie die Stadt richtig und in hübsch aussieht.

Oder der Bankdirektor aus den Elbvororten kann zu seinem Nachwuchs sagen:

„Und hier, mein kleiner Schietbüddel, hat der Papi sein Büro!“

Tolle „Postkarte“, lieber Jerzy – wirklich gut gemacht.

Es stellt sich nun die Frage, ob eine solche Postkarte Kitsch oder Kunst ist. Bei der Fotografie geht es üblicher Weise um die Frage, ob nur abgelichtet wurde, oder ob irgendeine Zutat das Werk zu Kunst erhebt.

Jerzy vertritt zu dieser Frage folgende Position:

„Eine Fotografie ist dann Kunst, wenn es einen Menschen berührt, er sich das Bild immer wieder gerne ansieht und es etwas in einem auslöst.“

Eine sehr interessante Differenzierung. Die Zutat, mit der das Foto zur Kunst wird, ist nicht im Werk selbst zu suchen, sondern ist Sache des Rezipienten. Wenn das Foto den Rezipienten nicht berührt, dann ist es für ihn keine Kunst. Wenn es etwas in dem Rezipienten auslöst und er sich das Bild immer wieder gerne ansieht, dann ist es für ihn Kunst. Damit sind Qualitätsfragen überflüssig. Kunst oder nicht Kunst wird zu einem reaktiven Prozess.

Von Francis Bacon stammt der Satz:

“I don’t, in fact, know very often what the painting will do.”

Der Künstler weiß oft nicht, was das Werk erzeugen wird. Was wird es bewirken, was wird es anrichten?

Ein schönes Beispiel, um an dem Thema noch mal herumzuschrauben, ist das Foto „Außenalster“:

Die Perspektive geht über die Alster hin zu den 3 Hochhäusern in der Dorotheenstraße. In der Dorotheenstraße habe ich 10 Jahre lang gearbeitet, die 3 Kuben waren praktisch meine täglichen Begleiter. Obwohl in der 60ern gebaut, sind die Wohnungen heiß begehrt, weil – wie man sieht – in den oberen Etagen mit echtem Alsterblick. Gegenüber des Hochhauses ganz rechts befand sich eine Hinterhoftankstelle namens Tankstelle Schultz. Als Mann von Welt gab ich da morgens meinen Jaguar XJS Cabrio zum Betanken und zur Wagenpflege ab.

Nach Dienstschluss holte ich ihn dann immer betankt und geputzt wieder ab. Irgendwann wurde der Jaguar – ich hatte ihn sträflicher Weise verliehen – Opfer einer koreanischen Kleinlimousine, die das Heck zum Totalschaden verformte.

Nun aber zurück zum Foto „Außenalster“:

Der Winter 2012, einer der seltenen Winter, in denen die Alster zugefroren war.

Ein Spektakel!

Wer dabei war, wird sich erinnern. Aber: Es gibt auch eine besondere Zutat in dem Foto, das es im besten Sinne

artsy

also künstlerisch macht. In der Ecke links unten sind 3 Personen in oranger Montur zu sehen, gewissermaßen als Entsprechung für die 3 Hochhäuser im Hintergrund. Dafür braucht es ein schlaues Auge. Orange trägt nur die Müllabfuhr. Hier wird es sich aber sicherlich um Rettungspersonal handeln. Alstereisvergnügen ohne Schnapsleichen und Knochenbrüche, das ist ja schlicht undenkbar.

Also ein Foto, das einerseits Assoziationen auslöst, andererseits aber auch diese gewisse Zutat hat, dass es zu einem Kunstwerk macht.

Im Hinblick auf spontan auftretende Kaufimpulse darf ich daran erinnern, dass in eins, zwei, drei, vier Monaten schon wieder Weihnachten ist. Kaum hat man sich die Schweißtropfen von der klimaverrückten Birne abgetupft, muss man schon wieder auf die Jagd nach Weihnachtsgeschenken gehen.

Wer weiß, ob man dann noch mit dem Auto in die Stadt fahren darf?

Zwei Straßen beim Rathaus sind schon für autofrei erklärt worden und Ottensen schottet ebenfalls ab. 2500 Haushalte und 200 Gewerbebetriebe sind mit dem Auto nicht mehr zu erreichen. Taxifahren ist auch verboten. Eine Stadt, die sich entmobilisiert.

Wir werden wieder zu Jägern und Sammlern, die sich zu Fuß durchschlagen müssen.

Deswegen sammeln Sie bitte jetzt schon die Geschenke ein, die Sie bald brauchen. Eine Idee wäre zum Beispiel Foto „Wasserschloss Winter“:

Eine herrliche Winterszene. Die Speicherstadt gülden erleuchtet. Im Kanal schwimmen die Eisschollen. Atmosphärisch ein tolles Weihnachtsgeschenk.

Was will man denn mit einer Strandszene am Heiligabend?

So was führt doch nur zu Diskussionen:

„Die Frau da, die mit der pinken Luftmatratze, das könnte ich sein!“, sagt die Gattin, „wenn du rechtzeitig gebucht hättest. Dann müssten wir hier nicht bei 9° und Regenwetter sitzen und morgen zu Oma fahren!“

Auch der Nachwuchs, hier halbrechts im Bild, hat auf einmal Fernweh nach dem Ballermann.

Also, meine Damen und Herren, denken Sie jetzt schon an Weihnachten und kaufen Sie eine Winterszene aus der Speicherstadt. Saisontypisch und vom Motiv her

„very hanseatic“.

Kommen Sie vor mit dem Kontor, kann man nur sagen.

Auch für den Freund des Nutzfahrzeugs gibt es etwas in der Ausstellung. Ich beziehe mich auf dieses Foto mit dem Titel „G20 Gipfel in Hamburg“:

 

Mit dem Titel „G20 Gipfel in Hamburg“ bekommt das Werk eine politische Richtung. Ein Ergebnis des G20 Gipfels gab es in politischer Hinsicht nicht. Dafür gab es 3400 Ermittlungsverfahren, sowohl gegen Demonstranten, als auch gegen Polizisten. Der bizarrste Fall ist wohl derjenige, bei dem ein Polizist, der nicht im Dienst war, eine Bierdose auf einen Polizisten geworfen hat, der im Dienst war.

Konzentrieren wir uns deswegen auf das gezeigte Nutzfahrzeug.

Selten gesehen und wegen seines robusten Charmes berühmt: Der Sonderwagen 4 Typ „Hermelin“ der Bundespolizei. Nur echt mit Edelstahlpflug zum Wegpflügen von Demonstranten und mit einer Einrohrwurfanlage für Reizstoff- und Nebelwurfkörper. Es wurden nur 121 Stück von der Firma Thyssen gebaut. Das Ding wiegt solide 11 Tonnen und hat mehr als 6 Liter Hubraum. Also ein echter Hingucker.

Der „Hermelin“ wird im Moment ausgemustert und durch den Sonderwagen 5 des Typs „Survivor“, mit Vollausstattung übrigens ca. 1 Mio. teuer, ersetzt.

Wenn Sie sich einen echten Sonderwagen „Hermelin“ leisten wollen, dann griefen Sie jetzt zu. Um mit ihm einem Burnout auf dem Ballindamm durchzuführen, Achtung – Dosenöffner. Ansonsten imponieren Sie doch Ihren Gästen mit einem Foto des Hermelin-Sonderwagens.

Ihre Assoziationen zum G20-Foto müssen nicht unbedingt politischer Natur sein. Unterhalten Sie doch Ihre Gäste zum Beispiel mit der Absurdität, dass der Hermelin ein possierliches kleines Kerlchen ist:

Auf der Straße dagegen wird durch den Sonderwagen gewissermaßen ein automobiler Brutalismus repräsentiert.

Oder Sie geben sich kunstbeflissen und erinnern an Leonardos Gemälde „Die Dame mit dem Hermelin“:

Meine Damen und Herren, ich glaube, Jerzy hat Recht:

Ein Foto wir dann zur Fotokunst, wenn es den Rezipienten berührt. Es muss also mehr als die Dokumentation des Gesehenen sein.

Zweck des heutigen Abends ist es also, dass Sie sich auf den Perlenglanz des heutigen Abends einlassen, worin auch immer der für Sie bestehen mag. Für den einen glänzt Hamburg mit der Elbphilharmonie, für den anderen mit dem „Hermelin“.

Chacun à son goût – jedem nach seinem Geschmack – kann ich nur sagen!

Ich hoffe, meine Laudatio hat Ihrem Geschmack etwas angeregt und ich bedanke mich fürs Zuhören.

 

Bernd Roloff

 

Einige Fotos sind wegen evtl. Urheberrechtsverletzung nicht veröffentlicht. Die Setzerin