„Hingeschaut“

Heike Grebbin

Eröffnungsrede

Laudatio Heike Grebbin „Hingeschaut“ 09. Januar 2015

Liebe Freunde der Kunstkantine,

ich darf Sie jetzt begrüssen zu der Vernissage für die Werke von

Heike Grebbin.

Heike Grebbin ist die 11. KünstlerIn, die Nissis Kunstkantine zeigt, seit Ihrer Eröffnung im März 2013.

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Resident-Laudator der Kunstkantine und halte bei den Vernissagen üblicherweise ausschweifende Vorträge. Das ist auch heute so.

Die Ausstellung der Werke von Heike Grebbin steht unter dem Motto

„Hingeschaut“.

Neben Hinschauen ist bei unseren Vernissagen auch immer ein kurzes „Hinhören“ angesagt. Heute argumentiere ich öfters besonders fernliegend mit Quantenphysik, um dann mit einem erratischen Gedankenschwung wieder auf das Werk der Künstlerin in Concreto zu sprechen zu kommen. Die Kunstfreiheit in unserer Verfassung kommt auch gleich vor und nur ich weiß, was sonst noch.

Die Bilder von Heike Grebbin haben ihren Auslöser zumeist in der Beobachtung einer realen Szene die eine Bewertung oder Emotion nahe legt. Titel wie „Geborgen“, „Befreit“, „Kaufrausch“, oder „Verletztbar“ sind bereits eine Interpretation des Gesehenen durch die Künstlerin selbst.

Insofern unterscheidet sich das Werk von Heike Grebbin von allen anderen Künstlern, die die Kunstkantine bisher gezeigt hat, denn diese Künstler und Werke waren doch ganz überwiegend frei interpretationsfähig oder überhaupt nicht interpretierbar, weil Seherlebnis, Wallpower oder die Induktion von Stimmungen oder Hommagen an von den Künstlern geliebte Kunstrichtungen aus den Werken sprachen.

Statt einer „Opera Aperta“ kündigt Heike Grebbin also in ihrem Theater an, welches Stück gespielt werden soll. Sie nimmt sich also die Freiheit konkret zu werden, in einer zeitgenössischen Kunstwelt, die ob doch überwiegend die Beliebigkeit in der Interpretation, also das offene Werk, favorisiert. Interessant war im Vorlauf der Ausstellung, dass die Ankündigung dieser Vernissage auf Facebook, jedenfalls auf dieser Socialnetworking Plattform die bislang größte Resonanz von allen Ausstellungen hatte. Benutzt haben wir für das Posting das Bild „Gespräch unter Nachbarn“ allerdings ohne den Titel zu nennen. Offenbar war allein das Figurative schon interessant genug.

Heike Grebbin wird durch Beobachtung einer realen Szene, die sie für bildwürdig hält, zur ggf. reduzierten oder nuancierten Widergabe der Szene in einem vorzugweise in Öl herzustellenden Gemälde motiviert. „Verletztbar“, „Funkstille“, „Kaufrausch“, „Befreit“, „Geborgen“ sind solche Werke.

Warum ist das so, meine Damen und Herren? Was stößt den Künstler zur Werkschaffung an und warum kommen so unendlich verschiedene Werke dabei heraus? Und warum bereitet die Werkschaffung dem Künstler Genuss? Mir wird immer wieder von einem Flow berichtet, der den Künstler ergreift und ihn machen lässt und ihn weitermachen lässt, weil er es schon immer machen wollte und er das Gefühl hat, dass das Werk gut und richtig wird. Bei Heike Grebbin also, dass das Werk z.B. den real beobachteten Kaufrausch ausdrückt oder das eine Frau, die sich im Gehen die Haare rauft, einen „Aufbruch“ durchlebt.

Willkommen deshalb, meine Damen und Herren in unserem kleinen Kolloquium zur „Selbstmotivation des Künstlers“ : Selbstmotivation ? Das hört sich psychologisch an, also kommt als erstes Sigmund Freud : Er untersucht 1910 neben Leonardo da Vinci mehr als 300 Psychobiographien kreativer Persönlichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass die Tätigkeit des Künstlers hauptsächlich als Sublimation ungestillter Libidowünsche zu interpretieren sei.

Gemeint ist mit Sublimation die Überführung von sexuellen Trieben in andere Lebensbereiche. Ist klar ! Der Künstler ist per se untervögelt, also macht er Kunst, dann ist er beschäftigt. „Schaaatz kommst du ?“ „Nein keine Zeit, ich sublimiere gerade. Morgen auch und übermorgen wieder.“

Auf der Freudschen Linie gibt es auch in neuerer Zeit eine ganze Anzahl von Followern, die z.B. von der Abwehr unbewusster Triebansprüche fabulieren. Der Künstler hat also nicht den richtigen Sex, also macht er Kunst, da kann er seine düsteren Triebe fernhalten. Wird also ganz schön klebrig das Ganze. Sowas wird ja gern gelesen. Ich sehe ihn bildlich vor mir, den Triebhaften.

Aber es gibt auch Theoretiker die die Motivation des Künstlers viel rationaler sehen. Es gebe den organisierten und den inspirierten Zugang zur Werkschaffung.

Der organisierte Künstler würde an einem bildnerischen Problem mit seinen Ideen und gelernten Techniken und Möglichkeiten herumschrauben, bis er, mit was auch immer, fertig ist. Für Auftragsarbeiten eine denkbare Konstellation.

Der inspirierte Künstler durchlebt – so die Theorie – 5 Phasen :

Präparationsphase, Inkubationsphase, Inspirationsphase, Evaluationsphase, Verifikationsphase.

Allerdings sind dem Künstler die einzelnen Phasen in den wenigsten Fällen bewusst. Wohl deshalb sprechen Künstler in vielen Fällen davon, dass der künstlerischen Schaffensprozess vom „Unbewussten“ gelenkt wird und sich deshalb außerhalb ihrer bewussten Kontrolle vollzieht.

Ganz berührt hat mir Heike Grebbin z.B. von Ihrem Bild „Saisonende“ erzählt. Ein tolles Bild : Zusammengeklappte Sonnenschirme, Gäste sind auch keine da, alles schon so ein bischen graublau und kühl. Party ist vorbei. Das hat man schon gesehen, das hat Symbolkraft und das muss umgesetzt werden.

Zitat Vincent van Gogh :

„doch fühlt man eine Kraft in sich gären, man hat ein Werk zu schaffen, und es muss geschaffen werden…“.

Tja, meine Damen und Herren, wo gärt denn nun die Kraft, um das Werk zu schaffen? Es gibt einen relativ neuen Ansatz in dieser Angelegenheit und zwar einen, der sich nicht mit psychologischen, um nicht zu sagen, psychiatrischen Ansätzen herumplagen muss.

Er stammt aus der Physik und ist durchaus reizvoll. Wir alle bestehen ja aus Atomen. Es gibt einen Atomkern und darum kreisen Elektronen. Beim einfachsten Atom, dem Wasserstoffatom gibt es im Wesentlichen ein Proton als Kern und ein Elektron, das es umkreist.

Soweit so gut, das ist verständlich, spannend wird die Sache durch die Größenverhältnisse. Nehmen wir an, der Atomkern hat die Größe eines Knödels. Dann kreist das Elektron erst in einem Abstand von 3,5 km um ihn herum. Stellen Sie sich also bitte einen Knödel vor. Das Elektron zum Knödel fährt gerade auf Gleis 10 am Hauptbahnhof ein. So sind die Größenverhältnisse.

Damit stellt sich die Frage, was denn auf der Distanz zwischen dem Knödel in der Kunstkantine und dem Hauptbahnhof so los ist. Mit Beängstigung stellt man auch fest, dass der Raum zwischen den Elementarteilchen uns erst zu dem macht, was wir sind. Wenn dieser Raum fehlen würde, wäre ich nur 1,8 Mikrometer groß, also mit dem Mikroskop zu suchen. Der Eiffelturm wäre etwa so groß wie ein Floh, wenn man ihn auf seine Elementarteilchen zusammendampft. Mich wundert durchaus, was meine 1,8 Mikrometer wiegen, insbesondere nachdem ich mir Elementarteilchen von Weihnachtsgans und Sylvesterkarpfen zugeführt habe.

Verwunderlich ist aber vor allem, dass die Elementarteilchen selbst offenbar nur die Krümel von der Torte sind und man sich stramm überlegen müsste, aus was die Torte besteht.

Wir alle kennen ja die Regel : Wenn die Torte spricht, haben die Krümel Pause.

Jetzt mal ganz in Ernst : Wir haben hier Bilder mit den Titeln : „Geborgen“, „Befreit“, „Kaufrausch“, oder „Verletztbar“ und ich würde sagen, dass die Bilder dieser Stimmungslagen auch ausdrücken. Aber vorher muss unsere Künstlerin diese Szenen auch in der Realität erkennen und sie muss die Motivation haben, diese Stimmungslagen auch bildnerisch umzusetzen.

Quantenphysiker bezeichnen den riesigen masselosen Raum zwischen den Elementarteilchen als „Meer aller Möglichkeiten“ oder als „Hintergrundfeld“, aus dem wir gefiltert durch unsere Subjektivität unsere individuelle Realität extrahieren. Die Subjektivität wird ihrerseits gesteuert durch Erfahrungen die wir aus dem „Meer aller Möglichkeiten“ gewonnen haben. Hiernach handelt es sich in dem Raum zwischen den Elementarteilchen um einen ungeheuer großen, wahrlich universellen Informationsspeicher und die Gehirnstrukturen sind im Grunde zweitrangig bei der Frage, was wir aus diesem Speicher herausziehen.

Wen es interessiert, meine Damen und Herren, der möge einmal unter dem Stichwort : Kopenhagener Deutung weiter recherchieren.

Es sind verschiedene Nobelpreisträger am Werk und die Dinge sind hochkompliziert. Je weiter die Physik in die Einzelheiten vordrang, umso spekulativer und weniger naturwissenschaftlich wurde die Diskussion um das sog. „Hintergrundfeld“ oder „Meer der Möglichkeiten“.

Dort gibt es nach dem heutigen Stand der Wissenschaft keine eindeutigen Aussagen, im Sinne von schwarz oder weiß, richtig oder falsch, sondern nur noch Wahrscheinlichkeiten.

Man möge einmal überlegen : Die gesamte Kunst, die über Jahrtausende geschaffen wurde, Bilder, Musik, Skulpturen….

Wo kam die Kraft her, all dies auf die Beine zu stellen. 50.000 Werke allein von Picasso. Und was alles so verkauft wird : Damien Hirst verkauft 2008 in einer zweitägigen Aktion 287 seiner Werke direkt aus dem Atelier zu einem Erlös von 172 Mio. Dollar.

Und dass sind nur 2 Schwergewichte. Wieviele Künstler mögen derzeitig jetzt gerade dabei sein, durch Schaffung von Werken die Welt zu bereichern.

Das Modell vom „Meer aller Möglichkeiten“ hat in diesem Kontext Einiges für sich, meine Damen und Herren. Heike Grebbin hat aus diesem Meer der Möglichkeiten in Jahrzehnten so einiges für sich geschöpft. Ein emotionales Farbverständnis z.B. Rot für Energie, Blau für Weite und Kühle, eine Auffassungsgabe für das Situative, das sie abbilden will aber auch bei diversen guten Malschulen erlernte Techniken, angefangen bei der altmeisterlichen Schichtmalerei.

Ihr erstes Bild hatte den Titel „Allein“, es blieb aber nicht allein, Heike Grebbin fühlt sich angetrieben von einer positiven Produktivität und Spannung und auch von Veränderung. Dies sind die Emotionen mit denen sie in den Wahrscheinlichkeiten herumfischt und dann auch umsetzt.

Damit das Meer aller Möglichkeiten ausgenutzt wird, muss die Kunst und müssen die Künstler unbedingt frei sein. Das sieht unsere Verfassung genauso.

Anders sieht es der Vorstand der Hamburger AFD, der „Alternative für Deutschland“ der die Intendantin der Kampnagelfabrik wegen einer Straftat gegen das Ausländerrecht anzeigte, weil sie es wagte, eine bewohnte Installation zur Flüchtlingsproblematik auf dem Kampnagelgelände erstellen zu lassen.

Liebe Freunde der Kunstkantine, die Menschen kommen zu uns, weil sie der Gewalt von konfessionalisierten Gegenden und Gesellschaften entfliehen. Was vorgestern in Paris passiert ist, ist in diesen Gegenden nichts Besonderes, das passiert in diesen Gegenden mehrmals am Tag und Schlimmeres. Kunst- und Pressefreiheit gibt es da sowieso nicht mehr. Freiheitsrechte und Rechtsstaat sind hier unsere wertvollen Standortfaktoren.

Eine funkelnde Rüstung, die wir mit unseren Steuergeldern aufpolieren. Sie ist für Menschen aus konfessionalisierten Ländern und Gesellschaften anziehend. Bei uns im zivilisierten Europa, dürfen wir soviel Mohammeds malen, wie wir wollen, frei reden und im FKK-Club zum fliegenden Spaghettimonster beten, wenn uns danach ist. Darauf sollten wir stolz sein, wir haben für diese Rüstung bezahlt.

Deswegen sie wollen doch nun Mitte Februar bitte keine Partei wählen, die das Geld der steuerzahlenden Bürger damit verschwendet, dass diverse Vollakademiker bei der Staatsanwaltschaft ihre Arbeitszeit damit verbringen müssen, sich mit diesem juristischen Müll von Anzeige zu beschäftigen, die AFD eingereicht hat, anstatt dem Verbrechen in dieser Stadt entgegenzutreten. Ich habe schon in einer meiner früheren Laudatien betont, dass die Feinde der Kunstfreiheit damit argumentieren würden, dass das, was sie verboten haben wollen, keine Kunst sei, bzw. die Kunstfreiheit missbraucht würde.

Wo wir gerade beim Geld sind, liebe Freunde der Kunstkantine. Verschwendet es nicht, kauft damit Werke der hier ausgestellten Künstlerin. Der Euro fällt, das Gold auch, Aktien sind zu teuer, der Kleiderschrank ist zu voll, Zinsen gibt es keine, gegessen wurde über die Feiertage genug.

Zuständig für den Verkauf ist Nissi, die Namensgeberin und Patronin der Kunstkantine.

Ausdrücklicher Hinweis an die die Herren im Publikum: Heute ist für euch auch mal was dabei : Fußball bei dem Bild „Einzelkämpfer“ oder Motorräder bei dem Bild „Geschwindigkeitsrausch“. Das sind ja praktisch Ikonen dafür, worum es im Leben wirklich geht.

Also dann lieber Freunde und Gäste, seht euch an, was aus dem Meer der Möglichkeiten für euch an Land gezogen wurde und habt einen schönen genussvollen Abend.

Vielen Dank fürs Zuhören, jetzt heißt es wieder Hinschauen.