„Lichterstadt“

Ursula Schultz-Spenner

Eröffnungsrede

 
 
Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine,

ich darf euch jetzt begrüßen, hier in Nissis Kunstkantine, dem Mare Serinitatis, zu Deutsch dem Meer der Heiterkeit, hier in der Mondlandschaft der HafenCity.

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Conférencier der Kunstkantine und begrüße euch aufs Herzlichste zur 20. Vernissage der Kunstkantine, seit ihrer Eröffnung im März 2013. Die Vernissag…e gilt heute den Werken von

Ursula Schulz-Spenner
die von heute an bis zum 02. März 2016 in der Kunstkantine zu sehen sind.
Der Titel der Ausstellung lautet
„Lichterstadt“
und sie ist insofern etwas sehr Besonderes, weil die Werke von Ursula als Monotypien ausgeführt sind. Eine sehr seltene Technik. Heutzutage wird sie meistens für abstrakte Darstellungen verwendet und man wird sich tatsächlich auch historisch ziemlich schwertun, etwas zu finden, was figurativ in dieser Technik so ausgeführt ist, wie die Werke die ihr hier sehen könnt. Was als ich als nächstes bemerkenswert finde ist, die hohe Anzahl von Volksfestmotiven.
Das Sujet Volksfest ist nicht ganz einfach und kann durchaus infantil wiedergegeben werden, etwa in der Art, dass sich der Künstler in die heile Welt seiner Kindheit zurückträumen will und den Betrachter mit kreischbunten Karussellmotiven belästigt. Vor solchen Entgleisungen ist man selbst in der gehobenen Gastronomie nicht sicher. Ich erinnere mich z.B. an einen Aufenthalt in Nizza in dem Luxuskasten Hotel Negresco. Es regnete den ganzen Tag, das Zimmer war merkwürdig, aber das Schlimmste war das Frühstücksrestaurent namens „La Rontonde“ wo man zwischen grellbunt lackierten Holzpferdchen frühstücken muss.

 

In so einer Umgebung bekommt man nun wirklich seine Cornflakes nicht gekaut. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Horrorclown Pennywise als das unaussprechlich Böse aus Steven Kings Romas „Es“ um die Ecke biegt und einem als amuse geule eine Koteletttorte servieren will, wobei er einen mit angefeilten Zähnen angrinst.

 

Statt des agressiv Infantilen, finden wir bei Ursulas Volksfestmotiven vor allem moderne dynamische Fahrgeschäfte, z.B. Achterbahnen und der Bildaussschnitt zeigt keine gefällige Totale, sondern moderne Perspektiven. Vom Film her würde man sagen, es sind sog. „medium long shots aus der below angle Perspektive“. Beispiel hier das Werk „Wilde Maus XXL“ –

 

 

Das wirklich Besondere ist aber die Herstellungsart des Bildes. Man nehme einen stabilen Holzrahmen und bespanne ihn mit festem Aquarellpapier. Dann braucht man eine Druckplatte, die mit einer Walze eingefärbt wird. Man legt den bespannten Rahmen auf die Druckplatte. Als Nächstes wird auf der Rückseite eine Zeichnung angebracht, die sich durchdrückt, d.h. das Papier nimmt vorne Farbe auf. So entst…ehen, diese Gitterstrukturen. Wie man sieht, kann es aber nicht nur eine Druckplatte gegeben haben, sondern die Strukturen sind mehrfarbig, also gab es mehrere Druckplatten.
Soweit das Bildelement flächiger ist, wie etwa der Schriftzug, nimmt Ursula eine Folie und bestreicht sie mit Farbe. Die Folie wird dann aufgelegt oder aufgetupft und gibt die Farbe auf das Papier ab. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die die ausgestellten Arbeiten im Wesentlichen keinen Pinsel gesehen haben. Es wird nicht gemalt, sondern gedruckt. Monotypie. Die Endsilben „Typie“ kommen aus dem griechischen und bedeuten „Schlag, Eindruck oder Druck“ und die Vorsilbe Mono ist, glaube ich, klar. Zwei Lautsprecher gibt Stereo, ein Lautsprecher gibt Mono. Die Monotypie ist ein einziger Druck als Unikat. Bei Ursula gibt es dann noch einige Spezialitäten. Wie z.B. der Gebrauch von Schablonen, die sie Ausschneiden muss und mit einigen Herstellungsgeheimnissen rückt sie nicht so gern heraus.
Als Erfinder des Verfahrens der Monotypie gilt im 17. Jahrhundert ein Mann namens Giovanni Benedetto Castiglione der auch „il Grechetto“ genannt wurde. Sein Werk „Kopf eines Orientalen“
 
 
 

gilt als die erste ausgearbeitete Monotypie. Ansonsten war er mehr für religiöse Motive und Tierzeichnungen zu haben. So richtig was los war mit ihm Kunsthistorisch eher nicht so viel. Wie man sehen kann, war das ganze nicht nur eine Monotypie, sondern auch im Monochrom und graumäusig.
Die Werke, die ihr hier seht zum Thema „Lichterstadt“ seht, sind alle mehrfarbig und alles ist in Öl gemalt. Man …kann sich vorstellen, dass es einige Disziplin erfordert, die Werke so herzustellen, wie ihr es hier seht. In Ihnen steckt Einiges an Knowhow, so auch der Umgang mit Schablonen und ein paar Geheimnisse, die Ursula nicht verrät. Ich nehme an, dass sich einige Künstler an der Technik der Monotypie versucht haben, aber soweit es die figurative Darstellung in Mehrfarbigkeit und als Ölbild angeht, scheinen sie fast alle aufgegeben zu haben. Trotz fundiertem Wühlens in der Kunsthistorie habe ich nur einen einzigen Protagonisten gefunden, der eine mehrfarbige Monotypie in Öl mit dem Thema Volksfest und figurativer Darstellung produziert hat. Sein Name ist Maurice Prendergast und das Bild „Bastille Day“ zeigt eine Feiergesellschaft auf dem Place de la Bastille in Paris im Jahre 1892, am 14. Juli, dem Französischen Nationalfeiertag
 
 
 

Prendergast galt als Menschenscheu und ziemlich taub, blieb Jungeselle und konnte sich deswegen voll auf die Kunst konzentrieren. Er war sehr produktiv und auch kommerziell erfolgreich. Seine kleinformatigen Monotypien, von denen ca. 150 überlebt haben, erzielen heute Auktionsergebnisse zwischen 50.000.- USD und 100.000.- USD. Das Angebot ist superknapp, weil das Terra Museum of American Art in Ch…igago sich mehr als 60 Stück unter den Nagel gerissen hat.
Meine Damen und Herren, eine Vernissage hat nicht zuletzt den Zweck, das ausgestellt Oevre zum Kauf zu empfehlen, was ich hiermit tue. Einmal im Jahr gehe ich zum Verkäuferseminar, immer zu demselben, weil ich das Gelernte schnell wieder vergesse. Da sitze ich dann zwischen Schraubenverkäufern, Weinhändlern, Vertretern für Fassadenverkleidungen und anderen Salespeople, die etwas an den Mann oder die Frau bringen müssen. Wir lernen sets, dass wir 4 Arten von Käufern unterscheiden müssen, um uns die Arbeit zu erleichtern.
Den kreativen Spinner, den Kritiker, den kühlen Rechner und schließlich den Praktiker. Ich will im Folgenden einmal die Wahrnehmungskanäle dieser Käufertypen bedienen. Der Kreative Spinner benötigt als Kaufanreiz immer etwas Einmaliges, Besonderes, das die Ware exklusiv macht. Er liebt es etwas zu besitzen, dass knapp und gesucht ist. Im Grunde habe ich vorhin schon die Argumente für den kreativen Spinner genannt. Einmalige Herstellungstechnik, moderne Perspektive, knappes Angebot. Wer sich von den Monotypien, die hier ausgestellt sind, etwas hat die Wand hängt, hat also was zu erzählen, wenn Besuch kommt.
Der Praktiker braucht immer etwas zum Anfassen, dem sollte man immer ein Muster dalassen, mit dem er rumspielen kann und vor allem sollte man viel erklären, wie alles produziert wird und in welcher Tradition es steht. In der Kürze der Zeit, habe ich auch bereits versucht, auf ihn einzugehen. Interessanter, zeitraubender Herstellungsprozess, der viel Sorgfalt erfordert. Wenn man eines dieser Bilder bei sich aufhängt, ergibt sich auch eine stimmungsaufhellende Wirkung, für den Praktiker, etwa wenn ihm irgendeiner den wichtigen Schraubenschlüssel aus dem Werkzeugkasten geräubert hat. Oder er benutzt das Bild zur Erinnerung daran, mal wieder auf den Dom zu gehen.
Habe ich eben Dom gesagt ? Muss wohl so gewesen sein. „Jahrmarkt oder „Volksfest“ kommt im Wortschatz des Hamburgers eigentlich nicht vor. Man sagt : Kommst du mit zum Dom? Jeder hier weiß, dass damit das Volksfest auf dem Heiligengeistfeld gemeint ist.
Aber warum heißt der „Dom“ eigentlich „Dom“. Soetwas interessiert den Praktiker. Als „Dom“ wird üblicherweise eine Kirche bezeichnet, die besonders groß ist oder architektonische und künstlerische Besonderheiten aufweist oder eine wichtige historische Bedeutung hat.
Im 11. Jahrhundert hatten Händler, Gaukler und Schausteller sich in Hamburg das Gelände des sog. „Alten Mariendoms“ ausgesucht und konnten dort 700 Jahre relativ kontinuierlich ihren Geschäften nachgehen. So richtig gekümmert wurde sich um den Dom nicht und die Predigten waren auch kein Hit, weshalb das Gemäuer ziemlich verlotterte und eher so eien Art Abenteuerspielplatz wurde wie eine historische Darstelllung Anfang des 19. Jahrhundertes zeigt.
 
 
 

Man ging also zum „Dom“ schon damals, auch um sich zu amüsieren. Der Mariendom stand am Speersort in Höhe Domstraße. Der Mariendom war eine Enklave des Bremer Erzbistums und fiel erst 1804 an Hamburg. Er wurde sodann gleich abgerissen und die Domleute heimatlos. Alles was Wert hatte z.B. Fenster, Altäre und Bücher wurde verkauft.
Erst 89 Jahre später als 1893 wurde den Schaustellern dann das Heil…igengeistfeld zugewiesen. Der Name Heiligengeistfeld stammt übrigens von dem „Hospital zum heiligen Geist“, einem Klosterkrankenhaus. Zu diesem Klosterkrankenhaus gehörte das heutige Heiligengeistfeld, auf dem der Dom 3 mal im Jahr stattfindet. „Dom“ als Ort eines Volksfestes zu verstehen, ist also uralt.
Kommen wir nun zur 3. Art von Kunden. Dem sog. Kritiker. Der Kritiker ist vor allem misstrauisch und belehrt gern. Wenn man einen Kritiker vor sich hat, dann muss einem das Wort „Hölle“ einfallen. Der Kritiker kauft nur etwas, wenn er sonst in die Hölle kommt. Häufig ist er Verganer oder Kommunist.
Solche Jahrmarktmotive, wie Ursula sie umgesetzt hat, sind für sich bereits ein Statement für Hedonismus und gegen zu viel politische Korrektheit. Da leuchten Tausende von Glühbirnen stromfressend vor sich hin, um Fahrgeschäfte attraktiv zu machen und dem Proletariat wird das Geld aus der Tasche gelockt damit es sich nutzlosen Vergnügungen in Achterbahnen und Riesenrädern hingibt.
„Massen auf Volksbelustigungen konzentrieren“, ist von Marx ausdrücklich als Herrschaftsinstrument des Kapitalismus gebrandmarkt. Ökologisch in jeder Hinsicht bedenklich, was da vor sich geht. Wachtelkönig, Zilpzalp und Gartenammer stürzen sich suizidal vom Himmel, wenn die Gondeln des Kettenkarussells zischend die Luft zerschneiden.
Aber das provokanteste Werk der Aussstellung ist für den Kritiker zweifellos die Monotypie „Zuckerwatte“. –
 
 
 
 
 

Alle Erkenntnisse der modernen Ökotrophologie weisen darauf hin, dass der Konsum von Zucker nicht nur die Zähne kaputt macht. Zucker macht müde und dick, launenhaft und depressiv, Zucker stört das Verdauungssystem, fördert Pilz- und Parasitenbefall im Darm, schwächt das Immunsystem und begünstigt Allergien.
Zuckerkonsumenten finden keinen Partner, fallen der Krankenkasse durch Frühdemenz zur Last… und frönen in sozialschädlicher Weise einer Sucht, die auf derselben Stufe wie Rauschmittelabhängigkeit steht. Und was ist mit dem Holzstab an dem die Watte klebt? Wieviel Regenwald musste für solchen Unfug abgeholzt werden? Nach dem Kahlschlag im Wald bleiben verwirrte Naturvölker in brandgerodeten Steppen zurück.
Gestern noch gingen sie mit hochgebundenem Penisfutteral auf die Eichhörnchenjagd mit dem Blasrohr, heute müssen sie zum Broterwerb bei Lidl an der Kasse sitzen und die Barcodes von unfair erzeugtem Gemüse einscannen. Abends amüsieren sie sich dann auf dem Dom kaufen Zuckerwatte und so geht der Teufelskreis von vorne los. Ich glaube, den Kritiker können wir als Kunden abhaken.
Die Frage ist natürlich auch, ob wir ihn als Kunden überhaupt haben wollen. Man kann nicht allem und jedem gerecht werden. AfD-Wähler werden z.B. in unserer Ausstellung eine Schießbude vermissen.
Für den kühlen Rechner, den letzten Käufertypen, haben wir dagegen jede Menge. Interessiert betrachtet der kühle Rechner das Bild „Zuckerwatte“. Ein Produkt, das aus Luft, Zucker und einem Holzstab besteht und für sagen wir mal 2,50 € verkauft werden kann. Die Investitionskosten für eine professionelle Zuckerwattenmaschine inklusive Haube und Spuckschutz betragen ca. 2.500.- €. –
 
 Aus dem Fabrikat „Neumärker X-15 Whirlwind“ bekommt ein geübter Zuckerwattendreher 6 Portionen die Minute hergestellt. Macht also 1.000 Portionen, bis sich die Maschine wieder eingespielt hat. Wahnsinn, bei 6 Portionen die Minute, hat sich die Maschine schon nach 166, Periode 6 Minuten wieder eingespielt. Das sind ja noch nicht mal 3 Stunden, entsprechender Kundenandrang vorausgesetzt. Da lohnt sich der Kauf des Bildes „Zuckerwatte“ schon als Reminder, mal alternative Erwerbsquellen zu überlegen.

Arzt, Steuerberater, Rechtsanwalt, gut und schön, aber ein Zuckerwattendreher am rechten Fleck, der hat den richtigen Stundenlohn.

 

Und im Übrigen haben die von Ursula hergestellten Werke für den kühlen Rechner ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Hier wird Value for Money geboten. Der Herstellungsprozess ist zeitraubend und aufwendig und in der Ausarbeitung der Werke ist einerseits die Sorgfalt und der Qualitätsanspruch einer diplomierten Grafikdesignerin sichtbar, andererseits verschaffte ihr das Malereistudium eine Em…anzipation von den „Goldenen Regeln“ des Grafikdesigns. Ein entzückendes Bild in diesem Kontext ist „Der Zug kommt gleich“ Wunderbar zu sehen : Perspektiverzeugung durch Proportionen : vorne Groß und hinten Klein und Farbperspektive vorne Warm und hinten kalt. Gleichzeitig wird gegen die Regel verstoßen, dass das „Licht immer vom Himmel kommen muß“. Wie wir sehen, kann es auch von der Seite kommen,
Unabhängig von den 4 Käufertypen, die ich genannt habe, gibt es hier jemanden in der Kunstkantine, der sicherlich besonders an die Dombilder viele Erinnerungen knüpft. Gemeint ist niemand anderes als meine Frau Nissi, die Initiatorin der Kunstkantine. In Ihrer Kindheit wohnte sie in der Feldstraße mit Blick auf das Heiligengeistfeld und also auf den Frühjahr-, Sommer- und Winterdom.
Das Karoviertel, zu dem die Feldstraße gehört, ist heute ein leuchtendes Beispiel für gelungene Migration. Während in den 80ern der Ausländeranteil noch bei 70 % lag und Gangs aus Romakindern die Straße gehörte, haben einwanderende Vertreter von Trendberufen, Studenten, Kunstgewerbetreibende, Modeläden und Kreative das Karolinenviertel zu einer gehobenen Szenegegend umgewandelt. Es hat sich das durchgesetzt, was der konservative Publizist Nicolaus Fest als „westliche Urbanisierungskraft“ bezeichnet. Die Stadtluft, sie macht hier wieder frei. Und die Lichter der Stadt, sie leuchten hier wieder hell und anziehend.
Mit diesen Worten schließe ich ab, danke euch fürs Zuhören, wünsche euch einen schönen Abend und entlasse euch in den Genuss der Ausstellung „Lichterstadt“, hier in Nissis Kunstkantine, dem Ort, der Geist und Gaumen schmeichelt wie Zuckerwatte.

Bernd Roloff