„Suite View“

Jeannine Platz

Eröffnungsrede

Laudatio Jeannine Platz

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im

 

Bernsteinzimmer der HafenCity!

 

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote-Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen, zur 62. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013. Diese Vernissage gilt den Werken von Jeannine Platz. Die Ausstellung hat den Titel

 

Suite View

 

und sie hat ausschließlich Stadtansichten zum Gegenstand. Es sind Stadtansichten, die Jeannine Platz aus Hotelsuiten heraus gemalt hat. Suite Views eben. Sie hat aus den Fenstern von Hotelsuiten herausgeschaut und das Panorama auf die Leinwand gebannt.

 

Zum ersten Mal haben wir hier Stadtansichten in einer Ausstellung, die nicht Hamburg zum Motiv haben. In dieser Zeit der Reisebeschränkungen, denkt man, oh, da war doch was, man konnte mit dem Flugzeug in ferne Länder und Metropolen fliegen und es sich in Hotelsuiten gut gehen lassen.

 

Meine Damen und Herren, es ist die 2. Online-Vernissage der Kunstkantine im Live-Stream. Richtig Vernissage machen, das geht noch nicht. Wollen wir mal hoffen, dass sich das bald ändert. Die Einschränkungen gehen uns langsam auf den Geist und auf die Brieftasche sowieso. Keiner kann wirklich eine neue Normalität wollen. Wir wollen die alte Normalität zurück.

Die Kunstkantine gehört rappelvoll, mit Blitzlichtgewitter, angeschickertem Publikum und ordentlich Boohei. Nur weil ein paar Chinesen auf halbdurchgebratenen Fledermäusen rumkauten und sich dabei eine Seuche zugezogen haben, laufen wir doch nicht den Rest unserer Tage mit einer Maske rum. Masken sind was für Chinesen, die sind immer schon damit rumgelaufen.

 

Zu meiner Rechten, meine Assistentin Betty. Betty wird meinen ausschweifenden und assoziationsreichen Vortrag im Analogmodus durch das Hochhalten von Exponaten unterstützen. Niemand braucht einen Beamer, wenn er Betty hat!

 

Betty und ich sitzen uns jeden Tag im Office gegenüber und bisher haben wir uns auch jeden Tag mit was infiziert. Ja, ihr habt richtig gehört, wir haben uns jeden Tag mit was angesteckt.

 

Und zwar haben wir uns mit Lachen angesteckt.

 

Mit Lachen kann man sich nur anstecken, wenn man keine Maske aufhat. Das ist ja wohl klar. So Betty, nimm die Maske ab, wir spielen jetzt alte Normalität.

 

Wir wollen unseren Spaß haben.

 

Jeannines  Konzept, sich in Hotelsuiten einzumieten und dann das sich entfaltende Stadtpanorama zu malen, ist mir unglaublich sympathisch. Für Luxushotels hatte ich immer schon eine Schwäche. Beginnen wir mit dem Adlon in Berlin.

 

 

Für Ihr Projekt buchte Jeannine die Brandenburger-Tor-Suite. So sieht das in dieser Suite von innen aus:

 

 

Meine Damen und Herren, es bedarf wohl keiner weiteren Darlegung, dass sich jeder Mensch von Geist und Lebensart in so einer Umgebung wohlfühlen muss. Nur absolute Frugalisten oder Camping-Fanatiker würden sich hier nicht wohlfühlen können.

 

Also Frugalisten; jetzt die Annotation: Das sind Menschen, die schon mit 29 in Rente gehen wollen, und vorher fanatische Sparer sind, konsumfeindlich, mit nur einer Glühbirne in der Wohnung, hoher Singlequote und natürlich belehren sie ständig alle Nichtfrugalisten.

 

Wie sieht so ein Frugalist aus? Typisches Beispiel: ein Kinnbartträger auf einem Damenfahrrad, dass ihm geschenkt wurde!

 

Diesem Herrn werden Sie im Adlon nicht begegnen! Ich schwöre es Ihnen! Wie wunderbar!

Aber wir sind jetzt ja schon in die Brandenburger-Tor-Suite vorgedrungen, haben uns erstmal eine Zündkerze aus der Minibar gegönnt und mit einem reichlichen Schluck Jahrgangschampagner nachgespült.

 

Und was für ein Gemälde entsteht dort, wenn man das Motiv malt, das man aus dem Fenster sieht?

 

Richtig, es ist das Brandenburger Tor mit dem Pariser Platz davor.

 

 

Zweifellos ein sehr geschichtsträchtiger Ausblick über den es viel zu sagen gibt, aber fragen wir uns zunächst mal, wie Jeannine ein solches Gemälde zur Entstehung bringt, allein das ist schon eine höchst ungewöhnliche Machart. Sie schreibt mir Folgendes:

 

„Ich male ohne Pinsel, mit den Händen, weil ich so die Farbe und die Leinwand fühlen kann. Den linken Handrücken benutze ich als Farbpallette und mit den rechten Fingern mische ich die Farben auf meiner Handpallette an und male los. Für Akzente benutze ich einen Spachtel und für den Schlussakkord eine Zahnbürste. Damit setze ich Leuchtpunkte, die das Bild lebendig machen.“

 

Sehr interessant!

 

Haptik von Farbe und Leinwand mit den Fingern spüren wollen. Die linke Hand als Palette, da werden die Farben angemischt. Wer so malt, der ist auch dem von Künstlern oft beschriebenen Flow verfallen.

Jeannine schreibt mir dazu:

 

„Das wichtigste an einem Bild ist für mich die Entstehung. Wenn ich in meinem Malprozess bin, in diesem unbeschreiblichen Flow, dann fühlt sich alles richtig an. Ich bin verbunden mit mir und dem Universum. Dann stimmt die ganze Welt. Am Ende kommt dabei ein Bild heraus. Ich bin selber überrascht, denn beim Malen ist das Denken ausgeschaltet und es ist alles Gefühl. Ich weiß vorher nie, wie das Ergebnis aussehen wird. Ich male einfach drauflos.“

 

Und dann kommt die Zahnbürste zum Einsatz.

 

Vergisst man daheim seine Zahnbürste, kommt in einem Haus wie dem Adlon selbstverständlich sofort ein dienstbarer Geist und bringt eine. Und wenn man mit Zahnbürsten malt, dann bringt einem das Adlon sicherlich eine Handvoll.

 

Ich konnte mich mehrfach von dem exzellenten Service des Adlon überzeugen und natürlich ist das tollste Beispiel von exzellenten Service wieder eine Anekdote, für die ich etwas weiter ausholen muss.

 

Die normalen Zimmer haben einen kleinen vom Badezimmer abgetrennten Raum, wo die Toilette angebracht ist. Klodeckel und Klobrille sind aus Mahagoni. So eine Mahagoniklobrille ist ein echter Schmeichler für den verlängerten Rücken. Holz ist ein Naturprodukt. Man kuschelt sich drauf und fühlt sich geborgen.

Ich habe nun mal die Angewohnheit auf dem Klo zu rauchen. Das machen viele Raucher zur Entspannung dort. Wer raucht, muss natürlich auch irgendwo mit der Zigarettenasche hin. Ich bin Rechtshänder, also wird die rechte Gesäßhälfte leicht angehoben und die Zigarettenasche dann in den sich ergebenden Luftraum reingeascht und landet in der Kloschüssel. Das ist ein motorisch über 40 Jahre eingeübter Prozess.

 

Allerdings bedingt dieses Prozedere, dass das Gewicht mehrfach einseitig verlagert wird. Tja und nun habe ich doch tatsächlich bei meinem vorletzten Aufenthalt eine Klobrille geschrottet. Die Mahagoni Klobrille brach einfach mit einem lauten Knall in der Mitte durch. Das ist natürlich hochnotpeinlich. Also, den „Do not disturb“ Knopf drücken und kommentarlos am nächsten Tag auschecken.

 

Was soll ich euch sagen?

 

Bei meinem letzten Besuch im Adlon hatte ich dann keine Mahagoniklobrille mehr, sondern eine Klobrille aus solidem Holzimitat aus Kunststoff.

 

Ich sage euch: In meiner Gästeakte im Adlon steht drin, dass ich Klobrillenzerstörer bin. Wenn die die Reservierung aufnehmen, dann zieht gleich einer los und tauscht in meinem Zimmer vorsorglich die Klobrille aus. Das nenne ich Service.

 

In Istanbul domizilierte und malte Jeannine im Radisson Blue Hotel am Bosporus.

 

Die Luxuskästen am Bosporus haben den Vorteil, dass man direkt am Wasser speisen und feiern kann. Nissi und ich haben da reichlich Erfahrung. Unter Anderem haben wir das sog. Millennium-Silvester 99/2000 am Bosporus gefeiert. Es spielte in unserer Location eine Bigband mit zwei wunderbaren Sängerinnen, von denen die eine ein Gipsbein hatte, was bei den riesigen Löchern, die die Bürgersteige in Istanbul haben, auch kein Wunder ist.

 

An unserem Tisch saß ein Schönheitschirurg mit seiner Gattin. Dem knöpfte ich seine Visitenkarte ab und setzte die kostspielige Reise deswegen von der Steuer ab. Diese Ertragssteuerhinterziehung ist lange verjährt.

 

Ein typisches Bosporusmotiv hat Jeannine mit diesem Gemälde umgesetzt:

 

Im Vordergrund die Ortaköy-Moschee im Stil des Neobarock, fertig gestellt 1856. Das Bauwerk ist also neueren Datums. Die Moschee ist gut in Schuss, weil sie nach einem Brand 1984 renoviert werden musste.

 

Dahinter die 1973 fertiggestellte Bosporusbrücke, die jetzt „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“ genannt wird. Die Brücke ist eine Hängebrücke mit sechs Fahrspuren, zwei Notspuren und einem Fußweg. Die Fahrtrichtung der Hauptspuren ist nicht festgelegt, sondern wird je nach Tageszeit und Wochentag dem Verkehrsfluss angepasst. An Werktagen führen morgens vier Spuren von Ost nach West, abends vier von West nach Ost, um den Berufsverkehr von Asien nach Europa, wo sich die meisten Arbeitsplätze befinden, zu bewältigen. Die Distanz zwischen den beiden Pylonen beträgt über einen Kilometer, deshalb passte der linke Pylon nicht mehr mit aufs Gemälde.

Das Motiv ist nicht nur geschichtsträchtig wegen der Moschee.

Die Brücke heißt jetzt „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“, weil sie während des Putschversuches von Teilen des türkischen Militärs am 15. und 16. Juli 2016 zu einem der Schauplätze von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Putschisten und Militärangehörigen wurde.

Hier mal ein Foto aus dieser Zeit:

 

Offenbar ist die Brücke panzertauglich. Hier vorne haben sich schon welche ergeben.

 

Ich kann mich genau erinnern, dass Nissi und ich auf dem Sofa vor dem Fernseher saßen und wir den Mund nicht zubekamen. So ein Militärputsch in einer Demokratie kommt ja nicht alle Tage vor. Viele Türken sind nicht unbedingt für Erdogan, aber für eine Militärregierung sind sie erst recht nicht.

 

Wie wir sehen, können Stadtansichten mehr sein, als nur Dekoration. Sie können auch einen geschichtlichen Kontext assoziieren. Dies gilt insbesondere für das Gemälde vom Pariser Platz.

 

Sehen wir uns doch einmal den Pariser Platz zu DDR-Zeiten an:

 

Gespenstisch.

 

Direkt hinter dem Brandenburger Tor verlief die Berliner Mauer, im DDR-Jargon auch „antiimperialistischer Schutzwall“ genannt. Auf Westberliner Seite wurden gern für amerikanische Präsidenten Bühnen aufgebaut. Wer erinnert sich nicht an Ronald Reagan mit seinem Statement:

 

„Mr. Gorbatshow, open this gate, tear down this wall“.

 

Wo wir gerade bei Mauern sind: Jeannine ist auch Kalligraphin und hat eine Mauer an der Elbe mit Begriffen beschrieben, die sie Passanten im Kontext der Corona-Krise abgefragt hat.

 

Hier sehen wir die Künstlerin umrahmt von Worten wie

 

„Liebe, Herz, Mut, gute Gedanken, Einheit, Ausdauer“.

 

Wiederum eine originelle Idee, diese Begriffe sind Affirmationen, die uns die Krise besser überstehen lassen.

 

Ein einzelnes Wort, das man sich auf den Schreibtisch als Schild aufstellt, kann helfen, sich von schlechten Gewohnheiten zu lösen. Der Seniorchef meiner Kanzlei, in der ich als junger Anwalt arbeitete, stellte einen anderen Anwalt in der Kanzlei einen Stein auf den Schreibtisch mit dem Wort „heute“.

 

Grund war, dass dieser Anwalt, fachlich kompetent und eloquent, an Aufschieberitis litt, der sogenannten Prokrastination. Alles wurde auf morgen, übermorgen, das Wochenende usw. verschoben.

 

Wenn ich mir ein Wort zur Bewältigung dieser Zeiten aussuchen würde, dann wäre dies

 

Ausdauer.

 

Jeannine hat bei ihrem Projekt auch eine bemerkenswerte Ausdauer bewiesen. 2 Jahre hat es gedauert, bis 50 Suite Views fertiggestellt waren. Ich weiß nicht, ob selbst ich mit meiner Leidenschaft für Luxushotels diese Ausdauer bewiesen hätte.

 

Deswegen habe ich Jeannine gebeten, ihre Top Five Hotels aufzuschreiben, damit ich diese bei nächster Gelegenheit abklappern kann.

 

King George, Athen, Interconti New York Timesquare,

Hotel de Louvre, Paris, Atlantique Suites Camps Bay, Kapstadt

und schließlich Belmont La Residencia, Mallorca.

 

Erstaunlicherweise war ich in noch keinem dieser Hotels.

 

Auch bei dem Gemälde vom Pariser Platz bedurfte es einiger Geduld, um nicht zu sagen Duldsamkeit.

 

Hier sehen wir Jeannine in der Lobby des Hotels Adlon, links eine Hotelangestellte, unten auf dem Boden das Gemälde, eine Momentaufnahme:

 

Das Bild konnte noch nicht aufgestellt werden, weil es zu nass war. Im nächsten Moment ging ein Gast telefonierend einmal quer über das Gemälde. Jeannine schreibt mir:

 

Es war, als ob die Welt einen Moment stehen blieb. Der Gast hatte nun mein Bild an seinen Schuhsohlen und verteilte mit jedem Schritt die Farbe in der Adlonlobby. Ich wusste nicht, was schlimmer war, der Fußabdruck im Berliner Himmel, die ölverschmierten Schuhe oder der Hotelteppich.“

 

Wenn man durch Werkschaffung und erlebte Anekdoten sich mit einem Gemälde verbunden hat, stellt sich immer die Frage, ob man sich schweren oder leichten Herzens von einem Werk trennt. Jeannine schreibt mir hierzu Folgendes:

 

„Jedes Bild ist wichtig für mich .Wenn ich es hergebe, dann gebe ich etwas von meiner Seele weiter, das ist jedes Mal ein besonderer Moment. Mir hilft das Loslassen, wenn ich die neuen Besitzer kennenlerne. Und am Schönsten ist es, wenn ich mein Bild an den neuen Wänden sehe. Dann weiß ich: Die Seele lebt jetzt dort weiter.“

 

Meine Damen und Herren, beseelen Sie Ihr Domizil mit einem Gemälde von Jeannine Platz und genießen Sie die Aussicht. Sie machen damit keinen Fehler. Ob monumentale Skyline oder geschichtsträchtiger Anblick. Jeannines Werke setzen Alles um, was man von einer Stadtansicht erwarten kann. Und man hat was zu erzählen, wenn Besuch kommt.

Ein Gemälde mit Zahnbürste finalisiert und natürlich die Frage: „Warst du selbst schon mal in …?“

 

 

Bangkok

Berlin

Capetown

Chicago

Istanbul

Mexico City

Moskau

New York

Stockholm

Sydney

oder Hong Kong

 

Jeannine kann sich glücklich schätzen, in diesen Städten nicht nur mit dem Finger auf dem Globus, sondern auch mit den Fingern auf der Leinwand gewesen zu sein und wir haben das Glück, deswegen Stadtansichten all dieser Städte in unserer Ausstellung zu haben.

 

Jetzt eine Aufforderung an euch da draußen:

Seht euch die Ausstellung vor Ort an. Die Türen der Kunstkantine stehen wieder für euch offen. In Kürze wird es auch wieder ein gastronomisches Angebot geben. Bleibt der Kunstkantine treu und bis bald!

 

Bernd Roloff

 

Einige Bilder wurden aus Datenschutzgründen gelöscht. Die Setzerin