UNTERM STRICH HUMOR

Carlo Büchner

Eröffnungsrede

Laudatio Carlo Büchner

Nissis Kunstkantine, 22. März 2019

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im

Bernsteinzimmer der HafenCity!

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote-Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen, zur 50. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

Ja, ihr habt richtig gehört: Es ist die 50. Vernissage. 50 Ausstellungen in 6 Jahren. Wenn das Alles so weitergeht, dann haben wir 2025 die 100. Ausstellung und ich bin dann 60, ich sage nur Rentenbescheid und Prostata, Treppenlift und Rollator sind dann die Perspektive. („Er jammert gerne…“)

 

Aber jetzt noch nicht. Jetzt wollen wir erstmal die Vernissage für die Werke von Carlo Büchner abfeiern. Die steht unter dem Motto

 

„Unterm Strich Humor“.

 

Bei meiner ausschweifenden und erratischen Laudatio ist mir behilflich: Meine Assistentin Betty, hier zu meiner Rechten. Betty wird meinen Vortrag durch das Hochhalten von Hardcopys unterstützen. Ich bitte um einen Vorabapplaus.

 

Neulich sitzen Betty und ich beieinander und überlegen uns, was das eigentlich Wichtige an einem Kunstwerk ist. Wir haben jetzt dazu eine Meinung. Nach 50 Ausstellungen konnten wir uns auf was einigen.

 

Es gilt jetzt folgende Fragestellung:

 

Spricht das Kunstwerk zu mir?

 

Spricht es mich an, spricht es mit mir, will ich vielleicht sogar mit ihm sprechen, will ich über das Kunstwerk sprechen? Oder herrscht Sprachlosigkeit?

 

Ich meine jetzt nicht Abneigung. Einseitige oder gegenseitige Abneigung ist ja auch eine Form von Interaktion. Boxkampf, Ehestreit, Randale, das ist doch meistens interessant.

 

Ich meine mit der Sprachlosigkeit zwischen Kunstwerk und Rezipienten eine Form der kommunikativen Leere, die einen frösteln lässt. Ganz kalt ums Herz werden lassen mich z.B. einige Werke des abstrakten Expressionismus. Nehmen wir z.B. ein Werk des von mir hochverehrten Cy Twombly.

Ich vermag bei diesem Werk keinen Plan zu erkennen. Es hängt trotzdem im Museum of Modern Art in New York. Einen Titel hat das Werk nicht. Es verrät nichts über sich. Ich vermag ihm auch keine Bedeutung zu geben.

Carlo Büchner ist Cartoonist. Seine Werke müssen mit dem Rezipienten sprechen und es wäre prima, wenn der Rezipient sie auch versteht. Die Botschaft muss also gesendet und auch empfangen werden. Sendungsbewusstsein und Empfangsbereitschaft sozusagen. Das ist gar nicht so einfach.

Carlo schreibt mir, dass man sich unter den Cartoonisten gerne sagt: „Ist not he ink, ist the think“, was quasi bedeutet, dass die transportierte Message wichtiger wäre, als der Strich. Das erkennt Carlo an, Carlo will aber auch einen coolen Strich hinlegen. Ein gutes Beispiel.

Nehmen wir einmal das Beispiel des Cartoons „Vatertag“:

Die erfolgreiche Kommunikation des Cartoons mit dem Rezipienten setzt Einiges voraus. Zunächst mal zum Titel: Vatertag.

 

Ich assoziiere damit Bollerwagen, Komasaufen und Wandertouren. Das statistische Bundesamt assoziiert damit den Jahreshöhepunkt alkoholbedingter Verkehrsunfälle. In Holland wird den Vätern an diesem Tag das Frühstück ans Bett gebracht und es werden typische Männergeschenke überreicht.

 

Sag mal Betty: Bald ist ja Vatertag. Worüber freuen sich Männer so geschenkemäßig?

 

  • Alufelgen
  • Grillkoffer
  • Rasierwasser

 

Mit Alufelgen und Grillkoffer ist es ja im Weltraum etwas schwierig. Aber Rasierwasser kommt bestimmt gut an.

 

Wer fröhlich seine Glatze föhnt, fühlt vom Schicksal sich verwöhnt.

 

Meine Damen und Herren, die regionalen und internationalen Bezeichnungen des Vatertages sind durchaus prismatisch. Vatertag, Herrentag, Männertag, Festa del Papa, Dia del padre, Baba lar günü, Father´s day.

 

Schweizer Staatsbürger  assoziieren damit einen Väter-Kinder-Aktionstag mit politischer Dimension für bessere Rahmenbedingungen des Vaterseins. In Luxemburg werden in der Grundschule Vatertagslieder vorbereitet und den Papis dann vorgesungen. Natürlich mit den entsprechenden Klischees:

 

Völlig unübersichtlich sind die Tage, an denen der Vatertag gefeiert wird. Bei uns ist es ja immer Himmelfahrt. Aber rund um den Globus ist das anders. In katholischen Ländern z.B. am sogenannten Josefstag, den 19. März. Sympathisch die Regelung in Dänemark: Dort wird der Vatertag am 5. Juni, dem Tag des dänischen Grundgesetzes, gefeiert.

 

Allgemein kann man aber sagen, dass der Begriff Vatertag für Alle verständlich ist. Auf dem Cartoon wird der Vater mit einem Geschenk geehrt. Das ist verständlich, aber nicht witzig. Den Witz versteht nur, wer sich mit Star Wars auskennt. Der Cartoon nimmt Bezug auf eine der wichtigsten Szenen im Film-Epos des Star Wars Universum, aus Episode 5, also  „Krieg der Sterne – Das Imperium schlägt zurück“.

 

Der Film stammt aus dem Jahr 1980 und wird von Star Wars Fans bis heute als das beste Filmwerk der Reihe angesehen. Ein anerkannter Klassiker.

 

Die konkrete Filmszene, auf die der Cartoon Bezug nimmt, schließt sich an einen spektakulären Kampf mit Lichtschwertern zwischen Luke Skywalker und Darth Vader, bei dem Darth Vader Luke Skywalker die rechte Hand abhackt und Luke Skywalker sich auf eine Art Plattform flüchtet.

 

Hier zur Verdeutlichung die Filmszene: Jetzt sprechen Betty und ich den berühmten Dialog. Ich bin Darth, Betty ist Luke.

 

Darth: Zwing mich nicht, dich zu töten. Luke, du hast noch nicht begriffen, wie wichtig du bist. Du hast gerade erst begonnen, deine Kräfte zu entdecken, verbünde dich mit mir und ich werde deine Ausbildung beenden. Mit vereinten Kräften können wir diesen tödlichen Konflikt beenden und der Galaxis Frieden und Ordnung wiederbringen.

 

Luke: Nein, niemals werde ich das tun.

 

Darth: Wenn du nur wüsstest, welche Überlegenheit einem die dunkle Seite der Macht verleiht. Obi Wan hat dir nie erzählt, was wirklich mit deinem Vater passiert ist.

 

Luke: Er hat mit genug erzählt. Er hat gesagt, dass Sie ihn umgebracht haben.

 

Darth: Nein, ich bin dein Vater!

Luke: Nein, das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, niemals!

 

Darth: Erforsche deine Gefühle, du weißt, dass es wahr ist.

 

Luke: Neiiiin!

 

Darth: Du kannst den Imperator vernichten. Er hat es vorausgesehen. Es ist deine Bestimmung. Verbünde dich mit mir. Gemeinsam können wir als Vater und Sohn über die Galaxis herrschen. Komm mit mir. Das ist der Weg, der dir bestimmt ist.

 

Daraufhin stürzt sich Luke von der Plattform ins Ungewisse.

 

Nur, wer diesen existenziellen Disput zwischen Luke Skywalker und Darth Vader kennt, versteht die Pointe des Cartoons. Luke Skywalker beschenkt Darth Vader zum Vatertag mit einem Präsent, obwohl er sich lieber hinabstürzte, als mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. Niemals hätte Darth gedacht, dass er zum Vatertag beschenkt wird.

 

Gleich ziehen die Beiden womöglich noch mit einem galaktischen Bollerwagen los. Im Star Wars Epos kommen 127 verschiedene Alkoholika vor. Z.B. Daruvvianischer Sekt, die Beiden haben ja schließlich was zu feiern. Ziel des Ausflugs ist dann vielleicht das Restaurant am Ende des Universums, um mal den Plot zu wechseln. Man entwickelt sich ja weiter.

 

Im galaktischen Kontext jetzt mal ein Witz, der die Zukunftsängste von wegen Klima und Plastikstrudel im Pazifik widerspiegelt.

 

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine Planet zum anderen: „Du siehst aber gerade nicht so gut aus.“ Sagt der krankaussehende Planet: „Ich hab Homo Sapiens.“ Sagt der andere Planet: „Ach, das gibt sich wieder.“

 

Idealerweise schafft es ein Cartoonist, eine Figur zu entwickeln, sie zu beleben und weiterzuentwickeln. Bei Carlo ist es die Figur „RAY“, die wir uns hier einmal in der Ur-Version ansehen wollen:

 

 

 

Die Figur RAY ist Carlo in 2008 eingefallen. In irgendeiner Skizzensession, wie Carlo mir geschrieben hat. RAY schlüpft bei Carlo in verschiedenste Rollen. Postbote, Arzt, Richter usw. Mich interessiert dagegen das Psychogramm des ursprünglichen RAYs. RAY, wie er leibt und lebt.

 

RAY hat eine unbeschwerte und positive Attitüde. Er favorisiert die italienische Küche. Er trinkt Bier und Whisky und raucht gern mal eine Zigarre. Er ist Demokrat, sieht also Trump, Erdogan usw. skeptisch. Gesichtsanantomisch bedingt ist er Rückenschläfer. In der Malerei favorisiert er DaVinci, Michelangelo und Spitzweg, im Fußball Borussia Dortmund und den SC Freiburg.

 

Im Fernsehen sieht er sich gern Talkrunden an und er ist ein Fan von Game of Thrones. Er liest die Süddeutsche und die FAZ. Seine Lieblingsfilme sind „Der große Gatsby“ und „Grand Tourino“ und er steht in der Musik auf Rolling Stones und Bruce Springsteen. Urlaub macht er gern am Meer, aber er bereist auch Metropolen.

 

RAY ist heterosexuell. Die Damen schwärmen von ihm. Er wurde sogar besungen.

 

Blue jeans, white shirt
Walked into the room you know,

you made my eyes burn
It was like James Dean, for sure
You so fresh to death

and sick as ca-cancer

 

Na, meine Damen und Herren, von wem stammen diese anpreisenden und heroisierenden Worte?

 

Genau, von Lana del Rey. Die hat sich ihren Künstlernamen so zugelegt, um sich ihm zu widmen. Aber die Schlampe hat ihn trotzdem betrogen. Sie ist schuldig. Deswegen macht sie jetzt Reklame für Gucci „Guilty“.

 

Ich denke, dass RAY als „Average Guy“ da tolerant ist und wünsche ihm eine leidenschaftliche On-Off-Beziehung mit sexy Lana. Andererseits wünsche ich ihm auch eine dunkle Seite, so ein Stück Darth Vader. Z.B. eine Agententätigkeit.

 

RAY wird hinter den feindlichen Linien mit dem Fallschirm abgeworfen, um den Machtapparat von Diktatoren zu sabotieren. Seine vorgebliche Unscheinbarkeit ist seine Tarnung. Er schleicht sich in die Herzen der Vorzimmerdamen, um an Informationen zu kommen. Sie verfallen seinem Charme und seinen erotischen Fähigkeiten und kopieren für ihn Baupläne von Superwaffen, Führerbunkern und Hochsicherheitsgefängnissen, aus denen Regimekritiker befreit werden müssen. RAY hat noch eine bewegte Karriere vor sich.

 

Carlo hat diese Ausstellung aber auch mit interessanten Gemälden versorgt.

 

Carlo will ja bald von Freiburg nach Hamburg übersiedeln. Sein erster Gruß an die neue Heimat besteht darin, unserem Michel einen King Kong ranzumalen.

 

Frechheit!

 

Affen und Kirche – das geht ja gar nicht. Wie man ja weiß, stammen wir ja gar nicht von den Affen ab, sondern von Adam und Eva. Was soll also dieser Affe da am Kirchturm? Das sieht ja so aus, als sollte unsere Mutter Kirche eine haarige Evolutionstheorie aufgeklebt werden. Unerhört, das Ganze!

 

Ich darf daran erinnern, dass es in Deutschland – Gott sei Dank – den Blasphemie-Paragrafen 166 StGB gibt. In Deutschland darf z.B. kein T-Shirt getragen werden mit dem Text „Maria, hättest du abgetrieben, der Papst wäre uns erspart geblieben“. Selbstverständlich gilt der Blasphemie-Paragraf auch für Kunstwerke. Ich nehme an, dass ein guter Kirchgänger hier das Ordnungsamt anruft und wir dann wieder vor Gericht landen. Die Kunstkantine ist ja Dauergast bei den Amts- und Verwaltungsgerichten. Wenn wir mal unsere Staffelei auf die Straße stellen, um auf Ausstellungen und Speisekarte aufmerksam zu machen, kommt immer der Justizapparat in Gang.

 

Der Künstler schreibt mir, dass Entertainment der Hauptzweck seiner Werke ist, er aber auch Denkanstöße geben will. Am Meisten hat Carlo im Künstlerischen Michael Ryba beeinflusst, ein Beuys-Schüler, der Carlo auch beibrachte, vielseitig zu sein. Heute macht Carlo beispielsweise auch animierte Musikclips mit Otto Waalkes.

 

Aber Carlo ist nicht nur Künstler, sondern auch Groß- und Außenhandelskaufmann. Insofern darf ich darauf hinweisen, dass wir hier in der Kunstkantine nicht nur Gemälde und Original-Zeichnungen im Angebot haben, sondern auch Poster und Drucke für den kleineren Geldbeutel. Carlo hat auch sein Buch „Carlo Büchners Vollschuss“ mitgebracht.

 

Auf dem Cover „RAY als Jogi Löw“ mit geglätteter Alpaka-Frisur. Hier ein Bild von Jogi Löw älteren Datums zusammen mit Boateng, als die Welt zwischen den Beiden noch in Ordnung war.

 

Könnten vielleicht auch Darth Vader und Luke Skywalker sein. Jetzt erkennt man doch die Ähnlichkeit. „Ich bin dein Vater!“

 

Mit diesem Zitat möchte ich schließen. Ich bedanke mich fürs Zuhören und Zuschauen.

Erfreut und entspannt euch jetzt mit den Werken von Carlo Büchner. Bleibt der Kunstkantine treu und bis bald.

Bernd Roloff

 

Einige Bilder sind aus Datenschutzgründen entfernt. Die Setzerin