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„Hamburg Viel Harmonie“

Einladung

Rückseite

Die Formatierungen der Laudatios werden derzeit überarbeitet. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Laudatio

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity. Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute, am 31.Mai, auf das Herzlichste begrüßen zur 31. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

 

Die heutige Vernissage gilt den Werken von Sina Vodjani. Die Ausstellung steht unter dem Motto

 

„Interlaced World“

 

und ist von heute an bis zum 20. Juli 2017 in der Kunstkantine zu sehen. Sina hat mir schon einmal bei einer Laudatio zugehört und fand das ganz amüsant. Insofern habe ich mich mal aufgedrängt, auch bei ihm ein paar einleitende Worte zu sprechen.

 

Wo fängt man an? Der Künstler fing als Fotograf sehr früh an. Das erste Foto, das er fertigte, war bereits eine Mehrfachbelichtung. Er fotografierte nämlich seine drei Schwestern als Gruppenfoto. Werkzeug damals: Eine Kodak Instamatic. Zweifellos damals ein hippes Belichtungsinstrument. Das Werkzeug imponiert auch aus heutiger Sicht mit einer bestechenden stilistischen Einfachheit.

 

Wunderbar. Ein einfacher Sucher. Die Blende kennt zwei Einstellungen: Sonne, weniger Sonne und Blitzlicht. Für den Blitz musste man dann einen schönen Blitzwürfel oben aufstecken und ab ging die Post. Fotografieren hatte zu seiner Zeit auch einen gewissen Unterhaltungswert. Alle haben strammgestanden, gecheest und bei Blitzaufnahmen konnte man nachher fragen, ob es nun geblitzt hat oder nicht.

Der Fotograf Sina Vodjani, ich sage hier jetzt Fotograf, weil es noch ein musikalisches und malerisches Werk von ihm gibt, also der Fotograf, war dann später fasziniert von den digitalen Bildbearbeitungsmöglichkeiten, ein Pionier beim Einsatz von Photoshop. Aber als die Möglichkeiten der Bildbearbeitung endlos wurden, wurde auch das wieder Routine und gewöhnlich.

Die Ausstellung zeigt nun heute Werke, die in der sog. Mehrfachbelichtung angefertigt wurden. Das bedeutet natürlich nicht, dass man mehrere Objekte auf einmal ablichtet, wie Sina damals seine drei Schwestern, sondern das eine Motiv wird auf einem Foto mehrfach abgelichtet oder die Ablichtungen mehrerer Objekte werden übereinander gelegt oder die Perspektiven eines Objektes werden auf einem Foto mehrfach wiedergegeben. Schönes Beispiel hierfür ist das Werk „Hafen und Möwen“.

 

Im Gegensatz zur feinen Bearbeitung mit Photoshop, wo man sich allzu oft in Kleinigkeiten verheddert, geschieht die Komposition der Belichtungen noch vor Ort in der Kamera. Sina hat mir gesagt, dass er sich vorkommt wie ein Landschaftsmaler, der vor Ort situativ die Stimmung einfangen muss.

Sina hatte damals meine Laudatio zu den Werken von Uwe Knuth gehört. Der Landschaftsmaler oder Plein-Air-Maler ist ja sowas wie der Indiana Jones der Malerei. Er muss zackig fertig werden, sonst ist die Stimmung vorbei. Gleichzeitig fordert es den Künstler natürlich auch heraus, spontan eine Leistung hervorzubringen, ohne vorher kompositorisch oder nachträglich im Atelier in der Ausarbeitung zu Werke gehen zu können.

Als Resultat seines Schaffens formuliert Sina Folgendes:

„Absicht ist, die Kreativität des Betrachters visuell zu stimulieren und bekannte Orte werden soweit transformiert, bis filigrane, fraktale, fiktive Welten an die Oberfläche kommen.“

Nochmals:

„Absicht ist, die Kreativität des Betrachters visuell zu stimulieren und bekannte Orte werden soweit transformiert, bis filigrane, fraktale, fiktive Welten an die Oberfläche kommen.“

Im Kontext des Ausstellungsprogramms der Kunstkantine bilden die Werke von Sina einen Kontrast zu den Werken von Manfred Besser, dessen Werke wir im September 2016 gezeigt haben. Hafenmotive, grob strukturiert mit mutigem Strich, hier z.B. das Werk „Übergang“:

 

Wenn man als Rezipient keine Vorinformation über die Verortung „Hafenmotiv“ hat, würde ein solches Werk frei interpretiert werden können. Mit der Information „Hafenmotiv“ sucht man das Werk so gedanklich auszuarbeiten, dass schließlich das Motiv konkretisiert ist. Die schwarze Klammer wird zur Brücke, schließlich heißt das Werk ja auch „Übergang“ oder ist die schwarze Klammer was vom Bagger, der sog. Ausleger? Bei Manfred Besser transformieren wir das im Wesentlichen abstrakte oder expressionistische Werk in die Gegenständlichkeit, wie wir sie kennen. Man komplettiert im Grunde genommen „nur“. Ist ja auch schon was wert.

Wo der Rezipient bei Manfred Besser aufhört, fängt er bei Sina erst an zu assoziieren.

 

Dieses Werk „Strand Pauli“ zeigt im ersten Angang bereits Kräne, durch Mehrfachbelichtung und Komposition entsteht aber etwas Neues, von der Kranlandschaft Abstrahierbares. Die Kräne sind Arbeitswerkzeuge, also schlicht in der Anmutung, die Ästhetisierung beziehen sie aus der Repetition und der Sichtachsenverschiebung. Das Ganze leicht und locker zu nehmen, dazu animiert die Skulptur rechts. Nicht gerade eine seriöse Rodin- oder Giacometti- Statue, sondern was man auf St. Pauli eben so hat, als Inspiration.

Als ich Sina nach künstlerischen Vorbildern fragte, antwortete Sina mir, dass er im Grunde keine Vorbilder habe, aber im Bereich der Fotografie nennt er als Inspiration z.B. Ernst Haas, von dem ich hier mal ein Beispiel eines Werkes mit Mehrfachbelichtung zeige: 

 

Das Werk hat den Titel „Rainfall on Times Square“. Ernst Haas war ein weltberühmter Fotograf und Partner der Magnum-Agentur. Er verstarb 1986 im Alter von nur 65 Jahren.

Neulich habe ich ein Zitat von Steven Tyler, dem Leadsänger von Aerosmith gelesen. Tyler wird nächstes Jahr 70 und gab Folgendes von sich:

„Das Leben ist wie eine Klorolle, je länger es dauert, desto schneller dreht sie sich.“

Sina ist, man sieht es ihm nicht an, auch schon Anfang 60. Insofern habe ich ihm die Frage gestellt, ob er als Künstler insgesamt besser gelebt habe, als jemand mit einem bürgerlichen Beruf, also Arzt, Pfarrer, Anwalt oder Busfahrer.

Es freut mich, dass Sina mit einem uneingeschränkten „Ja“ antworten konnte. Entscheidender Vorteil sei gewesen, dass es keine Routinen gab. Sinas Motto war und ist – Achtung: Zuhören! –

„Das Leben entscheiden lassen.“

Nochmals:

„Das Leben entscheiden lassen.“

Hinzu kommt, dass Sina in seinem Leben von einem Grundvertrauen getragen wird. Ein Vogel würde ja auch schließlich jeden Tag einen Wurm finden, warum sich also allzu große Sorgen um das Frühstück machen.

Ich finde diese Antworten bemerkenswert. Je älter man wird, neigt man dazu, Schwierigkeiten zu antizipieren oder gar zu katastrophisieren.

Kommst du heute mit zur Vernissage? Nee, da kann man so schlecht parken. Gut kommt auch: „Da muss ich erstmal meine Frau fragen.“

„Da muss ich erstmal meine Frau fragen.“ ist übrigens auch eine typische Standardantwort, wenn ein Mann gefragt wird, ob er ein Bild kaufen will, das er nun schon eine halbe Stunde lang umkreist. Diese Antwort ist aber immer noch besser, als die Antwort: „Für mich lohnt sich das nicht mehr.“ Was sollen denn meine Kinder damit anfangen. Geradezu ein bösartiger Einwand, sagt doch das, was man gesammelt hat auch etwas über die Persönlichkeit aus und vielleicht ist ja in der Sammlung auch ein Künstler dabei, der, aus welchen Gründen auch immer – eine exorbitante Preissteigerung erfährt.

Exemplarisch für das Motto: „Das Leben entscheiden lassen“ ist bei Sina, dass er Hamburg zu seiner Wahlheimat gemacht hat, erstaunlich für einen kosmopoliten Menschen, der im Iran geboren ist, aber auch in San Francisco und Paris lebte und in Indien. Sina blieb in Hamburg, weil die Stadt gut zu ihm war. Beim Tingeln als Straßenmusikant und durch Klubs mit französischen Chansons hatte er eine tolle Resonanz und entsprechende Einnahmen. Die Stadt entblätterte für ihn einen besonderen Charme, also blieb er.

Apropos Straßenmusik: Sina ist auch Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent. Im Grunde strebt er eine Symbiose aus Fotografie, Malerei und Musik an.

In diesem Kontext merken Sie sich bitte den 23. Juni vor. Dann gibt es einen Musikabend mit Sina, begleitet von einem 3-Gänge-Menü.

Innenwändig kommt bei Sina auch noch ein Schuss Spiritualität hinzu. Geboren in einem moslemischen Land, die Mutter aus Frankreich und katholisch, Sina wird  inspiriert durch fernöstliche Religionen und mystische Schulen. Der liebe Gott ist die Energie des Universums und folgt nicht dem Dogma einer Religion oder Ideologie. Endlich mal das Gegenteil von Polarisierung zwischen „make America great again“ und „Allahu akbar“. Der Mann lebt offenbar nach seiner eigenen Leitkultur. Dazu gehört bei ihm zumindest in der Musikkomposition auch die Numerologie.

In diesem numerologischen Kontext darf ich Sie nun bitten, am letzten Tag des fünften Monats einem spontan auftretenden Kaufimpuls zu folgen. Die Fünf ist in vielen östlichen und westlichen Kulturen die Zahl der Liebe als unteilbare Summe der männlichen Zahl drei und der weiblichen Zahl zwei. Sie gilt als die Zahl der Liebesgöttin Venus. Verlieben Sie sich also noch heute in eines der hier ausgestellten Werke.

Ansprechpartnerin für den Erwerb ist in der Zeit der Ausstellung meine Frau Nissi, Initiatorin und Inhaberin der Kunstkantine. 

Hier in der Kunstkantine, besser gesagt in der HafenCity, ist Sina authentisch präsentiert. Auf seiner Website heißt es:

„Ich liebe, bin fasziniert und vor allem inspiriert von urbanen und architektonischen Strukturen, Geometrie, Physik und Biologie.“

Insofern in der HafenCity ständig Neues entsteht, was architektonisch, geometrisch und physikalisch daher kommt, ist das schon der richtige Platz für Sinas Werke. Auch das Motto „Interlaced World“ ist inspirierend.

„Interlaced“ bedeutet übersetzt „verwoben, verknotet, verschachtelt“. Die Welt also in der Verbindungstechnik, irgendwie verschwurbelt.

Das lässt mich doch gleich an den G20-Gipfel erinnern, den wir hier am 08. und 09. Juli zu erwarten haben. Man darf gespannt sein, wie verbunden die bedeutenden Industrienationen noch sind. Künstlerische Inspiration ist auch schon festzustellen. Hier sehen wir angewandte Protestkunst.

 

Die Deutsche Bank – Zentrale in der Innenstadt wurde am Wochenende mit Fingerfarben verschönert. Man darf z.B. lesen „raus aus Steueroasen“. Inhaltlich ist der Text natürlich völlig blödsinnig. Um es mit Guido Westerwelle zu sagen:

 „Das Problem sind nicht die Oasen, sondern die Wüsten drumherum.“

Aber immerhin hat das Ganze einen schönen Street-Art-Look, alle haben sich amüsiert und ein schönes Foto ist auch entstanden. Insgesamt also ein Mixed-Media-Vergnügen. So soll es sein.

Bei allem Respekt für solche Aktionen, die die große Politik zum Gegenstand haben, ändern wird sich nichts. Der Normalbürger ist die Melkkuh des Staates. Morgen geht es für die Kunstkantine erst einmal wieder vor Gericht. Die Anklage lautet darauf, dass wir 2 Quadratmeter Wegefläche für 48 Stunden zu Unrecht genutzt haben für Aufsteller, die auf eine Ausstellung hinwiesen und auch noch die Frechheit besaßen, auf dem Aufsteller für Tagesgerichte zu werben. Geahndet wurde das erstmal mit Bußgeldern in Höhe von 570 Euro. 

Dieses Foto zeigt den strafrechtlich zu ahndenden Angriff der Kunstkantine auf die Bewegungsfreiheit der Passanten. Meine Damen und Herren, teilen Sie doch einmal 570 Euro durch die Portion Hähnchen mit Curry und Reis für 8,90 Euro und dann fragen Sie sich doch einmal, ob ein solches Verfahren unabhängig von seiner Rechtmäßigkeit noch verhältnismäßig ist.

Wenn ich mir diesen Vorgang in Erinnerung rufe, bin ich doch jetzt ganz froh, von den ästhetisierenden Werken von Sina umgeben zu sein, gewissermaßen als Versöhnung mit Hamburg. Sinas Werke sind auf ihre Weise eine Werbung für die Stadt, geschaffen von einem kosmopoliten Künstler mit universellem Anspruch, abseits aller Kleinkariertheit. Hamburg stehen diese Werke gut zu Gesicht. Und das Beste ist, Sie können diese Werke kaufen und mit nach Hause nehmen. Wenn sie sich demnächst über abstruses Behördenhandeln ärgern, wird die Strahlkraft eines solchen Werkes ihre Stimmung aufhellen.

In diesem Sinne darf ich Sie jetzt bitten, vorzusorgen und sich für die „Happy Pills“ zu interessieren, die wir hier ausgestellt haben. Hinsichtlich der Nebenwirkungen müssen Sie sich nicht an Ihren Arzt oder Apotheker wenden. Sinas Werke haben eine durchweg positive Anmutung und Strahlkraft und eine interessante spielerische Komplexität. Die Rezeption ist keine Arbeit, sondern pures Vergnügen, insgesamt ein stärkendes Seherlebnis.

Mit diesen Worten möchte ich schließen, meine Damen und Herren, ich muss heute auch rechtzeitig nach Hause, um die Strafakten zu sortieren und die Fackel zu suchen, die ich morgen im Gerichtssaal als Fackel der Gerechtigkeit herumzutragen gedenke.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Abend, bleibt der Kunstkantine auch ansonsten treu und ich freue mich, euch alsbald wiederzusehen in diesem Theater. Vorhang zu und alle Fragen offen. Bis bald, Ihr Lieben und vielen Dank.

 

Bernd Roloff

Vernissage

Exponate

Nissis Kunstkantine

Kunstgalerie & Eventlocation
Am Dalmannkai 6
20457 Hamburg (HafenCity)

Mo – Fr 12-16 Uhr
Und nach Vereinbarung

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