Feiner Sirup

Gruppenausstellung: Elf Künstlerinnen und Künstler des Atelier Freistil, Carlo Büchner, Philippa Jasper, Larissa Kerner

Eröffnungsrede

Laudatio Gruppenausstellung Atelier Freistil,

Carlo Büchner, Philippa Jasper, Larissa Kerner

29.09.2020

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine,

liebe Gäste, willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity.

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen zur 64. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013. Zu meiner Rechten meine Assistentin Betty, die Wikingerbraut der guten Kunst. Betty ist zuständig für die Exponate, die meinen Vortrag begleiten.

Diese Vernissage gilt einer Gruppenausstellung von 15 Künstlern. Eine so große Anzahl von Künstlern in einer Ausstellung hatten wir bisher noch nie. Es ergibt sich also ein prismatisches Oevre, das hier zu bewundern ist. Ein Werk hat der Ausstellung das Motto gegeben. Es handelt sich um das Werk

„Feiner Sirup“

Angefertigt in Mix-Media, Acryl und Marker auf Papier von Tom Wolpers, Jahrgang 1967. Man ist immer versucht, bei der Besprechung eines Werkes Vergleiche mit anderen Künstlern zu finden. In seiner reduzierten Darstellung erinnert mich das Werk von Tom z.B. an Cy Twombly. Wir erinnern uns an die Coronation of Sesostris:

Der „Feine Sirup“ von Tom braucht also den Vergleich mit dem sicherlich in Euro  7-stellig zu bewertenden Werk von Cy Twombly nicht zu scheuen.

Sirup, meine Damen und Herren, ist per Definition ist eine dickflüssige, konzentrierte Lösung, die durch Kochen und andere Techniken aus zuckerhaltigen Flüssigkeiten wie Zuckerwasser, Zuckerrübensaft, Fruchtsäften oder Pflanzenextrakten gewonnen wird.

Nun wollen wir mal sehen, wer hier im Sirup sonst noch so rumschwimmt.

Peter Coleman, der Mann der seine Bilder von links oben nach rechts unten malt, ist dabei mit einem sympathischen Faultier

 

Ebenfalls ein Urwaldbewohner verwendet Esther Ravens, hier aber in Gesellschaft mit Tänzern und Tänzerinnen:

Carlo Büchner hatte nichts Besseres zu tun, als den Urwaldbewohner an den Michel zu malen und so seine neue Wahlheimat Hamburg zu desavouieren.

 

 

 

Und dann natürlich

Katzenbilder:

Einmal als bodenständiges Aquarell von Udo Böhnisch mit dem Titel „Mensch, Katze, Ananas“

oder als Bestandteil einer Traumwelt

die Philippa Jasper unter dem Titel „The Cat & the Moon & the Silverspoon“ in einer Mischtechnik auf die Leinwand gezaubert hat.

Schon in der Antike wurden gern Portraits gemalt. Wir haben mehrere davon in der Ausstellung und zwar eins von Gabriele Radecki

und mehrere von Larissa Kerner

wobei sie sich auf Selbstporträts verlegt hat. Larissa hatten wir schon im Februar dieses Jahres einmal ausgestellt und zwar ausschließlich mit Selbstporträts. Das vom Format her größte Werk „I´m begging for your kisses“ hat die Sammlung der Kunstkantine gekauft.

 

 

Siegmar Voß vertritt in dieser Ausstellung den Konstruktivismus

mit seinem Bild „Fahrzeug“ und Sirina hat sich dem melancholischen Naturalismus verschrieben.

Sandra Boishtyan malt die Lilien im Garten

und Cemile Ötztürk die Bienen dazu

Ein luftiges Werk hat

Detlef Dommer in die Ausstellung eingebracht und Martin Posselt haben es ganz offenbar Heißluftballons angetan:

 

Schließlich haben wir einen Filou unter uns. Einer der Klassiker der Malerei in seine eigene naive Malerei übersetzt. Hier in der Ausstellung gibt es ein Gemälde von Manuell LLobera – Capella, das den Titel „Ernst Ludwigs Ballerina“ trägt.

Es hat mich gereizt rauszufinden, was die Vorlage für das Gemälde von Manuel war. Ernst Ludwigs Ballerina, bei den Vornamen „Ernst Ludwig“ denkt der Kunstbeflissene an den großen deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Und was soll ich euch sagen, ich habe doch tatsächlich die Vorlage gefunden. Es ist das Kirchner Gemälde „Russische Tänzerin“ von 1907.

Du bist entdeckt, Manuel, gib es zu! Ich finde deine „Masche“ überaus amüsant.

12 der genannten Künstler haben ein Handycap und arbeiten unter der Regie von Bettina Grevel im Atelier Freistil. Die Kunstkantine stellt jetzt schon zum 4. Mal unter der Prämisse der Inklusion die Werke des Ateliers Freistil aus. Im Atelier Freistil zelebrieren 36 Künstler ihr Repertoire in 36 unterschiedlichen Ausdrucksweisen und Darstellungsweisen – frei im Stil. Vielen Dank, liebe Bettina, für dein Engagement und deine Kontinuität. Wir freuen uns immer wieder besonders auf diese Ausstellung. Vielen Dank auch an die Künstlerinnen und Künstler. Diese Ausstellung stärkt immer wieder das Renommee der Kunstkantine als Kulturträger in Hamburg.

Zwischen der letzten Inklusionsausstellung mit Freistil und der heutigen Veranstaltung liegt knapp ein Jahr. Davon waren die letzten 6 Monate ganz schlimm für die Kultur. Und wer weiß schon, wie es weitergeht. Lockdown Lauterbach oder Schwedentaktik oder Söder?

Deswegen das Wichtigste für das erschienene Publikum. Das Leben ist keine Generalprobe und eine Vernissage ist nicht zuletzt eine Verkaufsveranstaltung. Ehren Sie die Künstler noch heute Abend mit der Umsetzung eines spontan auftretenden Kaufimpulses, den Sie bitte dann auch zügig umsetzen.

„Ich habe schon genügend Bilder“ ist hier keine Ausrede. In weniger als 3 Monaten ist Weihnachten und durch das Verschenken von Kunst erweisen Sie sich als Mensch von Geist und Lebensart.

Kaufimpuls ist also angesagt: Wenn man den Begriff „Impuls“ ins frisch überarbeitete Online Lexikon der Psychologie eingibt, erhält man folgende Definition:

Impuls: „Ein plötzlicher Antrieb, meist als Reaktion auf einen überraschenden äußeren Reiz, aber oft auch ohne erkennbaren Anlass. Impulse können so stark sein, dass sie unvernünftige Handlungen auslösen. Die Kontrolle des Verstandes wird dann entweder gar nicht eingeschaltet oder doch überrannt. Der unvermittelte Impuls ist ein Durchbruch aufgestauter Gefühlsbedürfnisse, die infolge ihres Druckes oder auf einen herausgeforderten Reiz hin unwiderstehlich geworden sind.“

Jedwedes googeln mit dem Begriff „Impuls“ bringt auch eher Negatives zu Tage.

Ich finde das seltsam. Beispiel: Vor 19 Jahren morgens auf dem Gerichtsflur. Ich sehe Nissi zum 1. Mal und denke: „Was für eine Granate, die musst du mal ansprechen.“ Ich folge also meinem Impuls, gehe hin und sage:

„Hallo, wollen wir was frühstücken gehen?“

Sie kuckt mich mürrisch an und sagt: “Nein“.

Aber das war noch nicht das Ende von der Geschichte, sondern erst der Anfang.

Bei dem Kauf von Kunst ist die Auswahl unendlich. Galerien, Versteigerungen, das Internet. Überall gibt es Interessantes.

“The Chase can be better than the Catch”,

die Jagd kann besser sein als der Fang. Aber man darf den richtigen Moment dann doch nicht verpassen.

Man merkt den richtigen Moment dann, wenn sich eine Ergriffenheit von einem Werk oder gar Begeisterung einstellt. Obwohl ich täglich mit Kunst zu tun habe, bin ich immer wieder neu entflammbar. Man steht vor einem Gemälde oder einer Skulptur und denkt sich:

„Genau so!“

Informationen über die Herstellung des Werkes sind hilfreich, auch Biografisches ist interessant, aber letztendlich baut sich eine etwas unerklärliche feinstoffliche Verbindung zum Werk auf. Bekanntermaßen entsteht im Universum keine neue Materie. Alles, was da ist, ist also nur eine Neukombination. Kann es sein, dass sich die Atome des Werkes und die Atome des Betrachters wiedererkennen? Man spricht doch von dem Funken, der überspringt. Gibt ja auch Radioaktivität. Da springen Teilchen tatsächlich über.

15 Künstler sind für euch auf Sendung gegangen. Jetzt schaltet mal eure Antennen ein. Ich wünsche guten Empfang. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Oktober hier in der Kunstkantine zu sehen. Wer sich jetzt noch nicht entschließen will, kann gerne wiederkommen. Wenn Jemand hier im Saal ist, der für seinen Betrieb eine Location für die Weihnachtsfeier sucht, sollte ebenfalls mal bei Nissi nachfragen, welche Termine noch frei sind. Die Gänsekeule wird hier mit Rot- und Grünkohl serviert.

Heute Abend gibt es aber erstmal Feinen Sirup und ein Glas Wein dazu.

Cheers, Santé, vielen Dank fürs Zuhören

und bis bald in diesem Theater.

 

Bernd Roloff