„Urbane Grenzgänger“

Claudia Tejeda und Lars Möller

Eröffnungsrede

15.02.2017

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity. Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das herzlichste begrüßen zur 28. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

 

Die heutige Vernissage gilt den Werken von Claudia Tejeda und Lars Möller. Die Ausstellung steht unter dem Motto

 

„Urbane Grenzgänger“

 

und ist von heute an bis zum 28. März in der Kunstkantine zu sehen. Donald Trump ist dann maximal noch 3 Jahre und 9 Monate im Amt, wir kommen also langsam voran.

Urbane Grenzgänger, meine Damen und Herren, was wollen wir darunter verstehen. Als Grenzgänger bezeichnet man bürokratisch Personen, die zwischen dem Land, in dem sie leben, und dem Land, in dem sie arbeiten, pendeln.

Ladies first, meine Damen und Herren:

Bei Claudia Tejeda werden grenzgängerisch zwei Darstellungsformen überschritten, die der Fotografie und die der Malerei. Und zwar werden beide Techniken  miteinander verbunden.

Geniales beruht oft auf einer zündenden Idee.

Kommentar einer der 13.500 Kunstkantinenfans zum ersten Posting:

Natty Kastani Woooowww, Das, gefällt mir ja gut, war das, soeben wie ein Blitz, der erste Gedanke… Jaaaaaa, suuuppperrschööön!!“

Das „Wow“ hat vier O´s und vier W´s, das „ja“ hat sechs A´s und superschön schreibt Natty Kastani mit drei U´s, drei P´s , zwei R´s und drei Ö´s. Wir dürfen das also Äußerung spontaner Begeisterung verstehen.

Grundlage oder wenn man so will, Hintergrund, sind Fotografien, die Claudia in New York aufgenommen hat. Nehmen wir uns einmal exemplarisch das Werk „Gotcha“ vor.

 

Die Fotografie ist aufgenommen am Times Square. Natürlich ein bekannter und sehr interessanter Platz. Der Times Square heiß Times Square nach dem Gebäude der New York Times, das an dem Platz steht. Der Platz ist heute berühmt für seine leuchtenden Werbetafeln und für stürmische Silvesterfeiern.

Das berühmteste Foto vom Times Square ist das sogenannte V-Day-Foto.

 

Aufgenommen in dem Moment, als der Krieg der USA mit Japan beendet war. Das Foto erschien auf der ersten Seite des Life Magazine als Teil einer Serie von 14 Fotos, die den Titel „The men of War Kiss from Coast to Coast“ trug, und war das einzige ganzseitige Bild dieser Serie.

Nach Angaben von Alfred Eisenstaedt, dem Fotografen, hat er Kodak Super Double X als Filmmaterial verwendet. Natürlich hat Kodak das Foto als „Kodak-Moment“ bezeichnet und behauptet, es sei das meist reproduzierte Foto überhaupt.

So, Kodak und Times Square gibt es bei Claudia Tejeda auch. Ihre Prints, so schreibt sie mir, bestehen aus echtem Fotoabdruck auf Kodak Metallic Papier unter Acryllack mit Aluminium-Artbox.

Wir haben also eine wertige Grundlage, nun kann es also losgehen mit der Kunst. Wir sind ja nicht zum Vergnügen hier.

Die Fotos sind schon gut, aber nun kommt der Clou, von wegen Grenzgänger, ihr erinnert euch, der Grenzgänger geht von einem Land ins andere.

Claudia Tejeda blendet über dem Foto Bildelemente von Gemälden ein, die sie gemalt hat. Diese Einblendungen sind halbtransparent, was dem Ganzen so eine angenehme spielerische Metaphysik verschafft. Die Bildelemente halbtransparent auf die Fotos zu legen, ist wiederum sehr originell. Weniger ist mehr. Das undurchsichtige Drüberlegen hätte nicht denselben Effekt, zugleich bedeutet es eine Art Selbstbeschränkung, die sozusagen eigene bildnerische Handschrift nur als Gewürz und nicht als Sättigungsbeilage zu benutzen.

Ästhetisierende Stadtfotos gibt es genug. Wir bestaunen sie. Gut und schön. Aber da nochmal mit Bildelementen aus der eigenen Malerei drüberzubrezeln, das ist mal eine Idee, meine Damen und Herren. In der Tat eine Grenzgängerei und ich finde sie hinreißend.  

Über Claudia Tejedas Bilder heißt es woanders:

„Claudia Tejedas Bilder entführen den Betrachter in ein geheimnisumwobenes Universum voller Märchen und Magie. Dabei wird die 35-jährige Hamburgerin mit argentinisch-indigenen Wurzeln durch die mystische Kultur ihrer Ahnen beflügelt und setzt diese im zeitgemäßen Kontext fort. Indem sie nun erstmals ihre Malerei in ihre fotografischen Großstadtimpressionen integriert, reflektiert die Künstlerin, wie das moderne Leben in der Stadt selbst als Traum empfunden wird, und schafft somit eine neue Mystik des Urbanen.“

Na ja, meine Damen und Herren, was der Künstler will und wie er interpretiert werden will, das ist in der modernen Kunst sekundär. Die Künstlerin ist Jahrgang 1981. Drei Jahre später 1984 sagte unser Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl in einem Spiegel-Interview einen seiner wenigen wichtigen Sätze.

 

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

 

Was ich damit meine, ist das der Rezipient die Deutungshoheit hat. Wir erinnern uns an Umberto Ecos Aufsatz von 1962 über die Opera Aperta: „Das offene Kunstwerk“:

„Der Künstler, so kann man sagen, bietet dem Interpretierenden ein zu vollendendes Werk: er weiß nicht genau, auf welche Weise das Werk zu Ende geführt werden kann, aber er weiß, dass das zu Ende geführte Werk nicht ein anderes sein wird und das am Ende des interpretativen Dialogs eine Form sich konkretisiert haben wird, auch wenn sie von einem anderen in einer Weise organisiert worden ist, die er nicht vorhersehen konnte.“

Niemals brauchen sie zu fragen, was will uns der Künstler oder in diesem Fall die Künstlerin, „damit sagen“. Befreien sie sich grundsätzlich davon, eine Vorinterpretation des Werkes erahnen zu müssen. Wir leben in der Zeit der Rezeptionsästhetik, meine Damen und Herren. Entspannen Sie sich. Vorkenntnisse in indigener Malerei sind nicht erforderlich. Folgen Sie Natty Kastani in ihrer Begeisterung, sonst verpassen Sie die Mystik.

Eben habe ich Helmut Kohl zitiert, meine Damen und Herren, da darf Angela Merkel nicht fehlen. Ihr findet Angela Merkel auf dem Bild „Betroffen sein“ von Lars Möller, dem anderen urbanen Grenzgänger, den wir euch heute vorstellen.

 

Wir erinnern uns, Angela Merkel, galt als „Kohls Mädchen“. Er hievte Angela Merkel auf zwei Ministerposten, sie war vorher Pressesprecherin beim Demokratischen Aufbruch gewesen. Unter Kohl machte sie dann richtig Karriere. Später hat sie ihn verraten und er hat über sie geschrieben, dass sie nicht richtig mit Messer und Gabel essen kann. Heute ist sie die dienstälteste Regierungschefin in der EU. Angela Merkel ist übrigens in Hamburg geboren. Die Darstellung von Angela Merkel auf einem in Hamburg aufgehängten Gemälde erfüllt also zugleich die Prämisse von „Heimatbezug“, den die „Alternative für Deutschland“ zur Prämisse ihrer Kunst- und Kulturpolitik gemacht hat.

Wer nicht richtig mit Messer und Gabel essen kann, spielt am Tisch am besten Karten und genehmigt sich dabei ein Weinchen.

 

Diese wunderbare Tischszene findet ihr auf dem Werk „Die Stadt untergräbt mich“ von Lars Möller. Der Mann hat nun wirklich alles anzubieten auf seinen Werken. Über was diskutiert die Kartenrunde? Ich nehme mal an über Kunst. Die Karten hat der opulente surreale Bogomil in der Hand. Was hat er zum Kunstbegriff zu sagen?

Er würde sagen:

„Kunst kommt von Können.“

 

Zu meiner großen Überraschung hat Lars Möller für einen jungen Künstler ein ähnliches konservatives Kunstverständnis:

Unter der Überschrift „Ein Urinal ist keine Kunst“ nimmt Lars in seinem Werk „Bildauflehnung: Sehn- und Suchtgeschichten“ wie folgt Stellung:

„In der bildenden Kunst verleiht der Künstler seinem Inneren durch die Beherrschung seines Handwerks die dem Inneren angemessene äußere Form. Der handwerkliche Arbeitsprozess ist dabei wesentlich. Unbehandelte Fundstücke und Readymades zählen demnach nicht zur bildenden Kunst, auch wenn sie dem Inneren des Künstlers entsprechen mögen.“

 

Die Überschrift „Ein Urinal ist keine Kunst“ reflektiert auf das Werk von Marcel Duchamps „Fontäne“ aus dem Jahre 1917

 

Und wenn Lars meint, Readymades wären keine Kunst, dann ist das für Euch, liebe Freunde der Kunstkantine, seltsam.

Ein Readymade ist ein Gegenstand, der aus seiner Alltagsbedeutung herausgenommen wird und im künstlerischen Kontext präsentiert wird.

Wir haben hier in der Kunstkantine z.B. Readymades von Rüdiger Knott ausgestellt und – „OH WUNDER“ – sogar gut verkauft. Es waren z.B. Opferanoden, die an Schiffsrümpfe angeschraubt werden, um die Zersetzung des Rumpfes selbst durch Elektrolyse zu verhindern. Jede Menge Strandgut zierte unsere Wände, das Ganze war auch in der Ausstellung höchst vergnüglich. Ein Readymade wird zur Kunst, in dem es der Künstler auswählt und ausstellt.

Und dann meckert Lars an selber Stelle auch noch an der Installation von Ai Weiwei mit den Rettungswesten in Berlin herum.

 

Wörtlich heißt es bei ihm: „Eine Arbeit, die nicht der eigenen Erfahrung entspringt oder auf etwas bestimmtes aufmerksam machen soll, ist eine Illustration und keine Kunst.“

Warum, meine Damen und Herren, ist eine Einengung des Kunstbegriffes unangemessen?

Das kann ich euch sagen: Es geht mitnichten darum, was im akademischen Elfenbeinturm als Kunst angesehen wird, sondern es geht um Freiheitsrechte. Die freiheitlichen Verfassungen schützen die Kunstfreiheit schrankenlos. Wenn jetzt der akademische Kunstbegriff eingeengt wird, dann folgt auch die Einengung des rechtlichen Kunstbegriffs, weil der eingeengte akademische Kunstbegriff dafür zur Legitimation wird.

Das ist nicht ungefährlich, denn oft muss die Kunstfreiheit in Anspruch genommen werden, um eine Meinung zu transportieren. Dies ist in zahllosen Gerichtsentscheidungen dokumentiert. Hinzukommt, dass, wenn am bisherigen sehr umfassenden und weitreichenden Kunstbegriff rumgedoktert wird, auch reflexiv die Förderung des Staates bei Kunst und Kultur geschmäcklerisch eingeengt wird. Wo kommen wir dahin? Zum Heimatbezug? Das will ich auch als Steuerzahler nicht.

Mein Trost ist jetzt, dass wir hier tatsächlich zwei Könner ausstellen. Lars Möller brilliert durch seine Maltechnik und die hohe Ausarbeitung seiner Werke. Gehen sie bei Lars Möller beim Betrachten vom Detail zur Gesamtanmutung über.

Lars erzählt auf seinen Gemälden Geschichten, die Werke haben – schönes Wort – narrativen Inhalt. Sie sollen gelesen werden.

Claudia Tejedas Werke lassen sich dagegen ganz im Gegenteil am Vorteilhaftesten von der Wallpower des Gesamtwerkes hin zum Detail erschließen.

Also: Wow-Effekt bei Tejeda für Weitsichtige. Bei Möller kommen wir von der Ansicht der Details zur Botschaft des Gesamtwerks.

Tejeda spontan-genial, Möller konzeptionell und perfektionistisch.

Auch in der Verortung der Kunstrichtung haben wir mit dieser Ausstellung den Kontrast voll aufgedreht. Lars Möller nimmt ganz offensichtlich die Wurzeln des Surrealismus für sich in Anspruch. Claudia Tejeda legt Wert auf ihre argentinisch-indigen Wurzeln, transportiert aber darüber hinaus für mich in ihren Werken diese sympathische Wucht des Neuen und Modernen.

Claudia Tejedas Werke sind schon recht weit in der Welt herum gekommen, Barcelona, New York, Mailand und Paris. Lars Möllers Habitat ist Berlin, wo er die Kunst studiert hat, seine Werke waren aber auch schon in Karlsruhe und Basel zu sehen.

Berlin, urbaner geht es wohl in Deutschland nicht. Unsere größte Metropole, unsere Hauptstadt, die Welt schaut nach Berlin. Urbanität bedeutet nicht eine Ansammlung von Häusern. Urbanität bedeutet Geschäftigkeit, Toleranz, Dynamik, Kommunikation: Stadtluft macht bekanntlich frei. Ist das überall in Berlin so?

Spaziergänge in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Neukölln. Männer mit Strickkäppis und Gebetsketten vor Vereinslokalen, Frauen in schwarzen Kleidern, mit schwarzen Kopftüchern. Atavistische vormoderne Clanstrukturen sind zu sehen. Es geht dort zurück in die Dorfgemeinschaft mit ihren Regeln von Ehre, Zwangsheirat und Friedensrichtern.

Anti-moderne Parallelgesellschaften, die sich durch die Urbanisierungskraft von Berlin derzeitig nicht auflösen lassen, sondern sich eher manifestieren.

Beunruhigt einen das?

Oder setzt man den Fokus höher und sieht das große Ganze an? Metropolen haben nun mal China-Towns, Ausländerviertel und andere Ghettoisierungen. Und sind die Ausländerviertel wirklich so inhomogen?

Ich hatte öfters beim Amtsgericht Berlin-Neukölln zutun. Danach ging ich immer in den Emre-Grill. Vielleicht der einzige Imbiss, bei dem der Vollbart zur Kleiderordnung in der Küche zählt. Ich zählte 6 Alkoholverbots-Schilder. Das Essen ist phantastisch. Da drüber, über dem Emre-Grill, lockt die Leuchtreklame eines Massagesalons und zwar keines medizinischen. Der Fundamentalismus im Erdgeschoss wird durch „Happy-End-Massagen“ im Obergeschoss stadtsoziologisch im Fundament erschüttert.

Es ist wie mit den Bildern in dieser Ausstellung.

Sieht man aufs Detail oder geht man in die Totale?

Wie bei Hieronymus Bosch zeigt Lars Möller in Bildsegmenten teils beunruhigende Episoden. Warum macht die Merkel so ein Gesicht? Um was wird in der Tischszene in Wahrheit gepokert? Claudia Tejeda hat den Blick für das große Ganze und beseelt es – mystisch –  wie sie meint. Bildgebung für „the spirit of the city“.

Lars Möller steht für das Schwerblütige, Polarisierende, Claudia Tejedas Werke verströmen den Odem des Heiteren.

Unsere urbanen Grenzgänger könnten verschiedener nicht sein. Andererseits einigt sie die Unkonventionalität in der Bildersprache. Es einigt sie noch etwas anderes.

Neulich charakterisierte einer unserer Stammgäste ein Werk als „unverklemmt“. Es ging ihm dabei nicht etwa um eine erotische Darstellung, sondern darum, dass der Künstler nicht mit angezogener Handbremse gearbeitet hat.

Sie sehen hier in dieser Ausstellung sämtlich Werke, die mit Hingabe gefertigt sind.

Lars Möller begreift seine Werke als Transformation innerer Bilder, von der Innerlichkeit seines Geistes zur Äußerlichkeit der Farbe verschmelzen „Handwerk und Geist, Künstler und Bild, Subjektivität und Objektivität“, wie er schreibt. Am Schluss ist der Kampf sowohl gewonnen als auch verloren. Mit dem Abschluss eines gelungenen Werkes ist die Transformation geglückt, schreibt er.

Claudia Tejeda steht ebenfalls nicht auf der Bremse, das Leidenschaftliche, das Experimentelle ist der Treibstoff für ihr künstlerisches Fahrzeug, das sie durch die Straßen von New York bewegt hat.

Mit dem Kauf eines Bildes aus dieser Ausstellung kann man keinen Fehler machen. In diesem Sinne darf ich Sie daran erinnern, dass eine Vernissage auch eine Verkaufsveranstaltung ist. Claudia Tejeda hat mich in diesem Kontext darum gebeten zu betonen, dass jedes ihrer Werke ein Unikat ist. Bei Lars Möller muss ich das wohl nicht betonen. Nach Machart und Authentizität können diese Werke nur Solitäre sein.

Ansprechpartnerin für Verhandlungen ist in der Zeit der Ausstellung meine Frau Nissi, die Initiatorin und Namensgeberin der Kunstkantine. Die Wahrnehmung der Kunstkantine im Kunstbetrieb von Hamburg hat sich in den letzten Monaten erheblich erhöht, fast vier Jahre sind wir jetzt dabei. Während ich meine Rede hier halte, ist der erste Katalog von Nissis Kunstkantine im Druck. Fast alle der von uns bislang ausgestellten Künstler sind mit ihren Werken vertreten. Der Katalog ist ein weiterer Stein für das Haus, an dem wir hier bauen. Dass das Haus eine neue Küche hat, habe ich schon in meiner letzten Laudatio erwähnt. Die Kunstkantine ist Galerie, Restaurant und Eventlocation, und steht damit gerade auch für die Urbanität, die immer stärker in die HafenCity einzieht.

In diesem Sinne darf ich Sie jetzt in die Gesellschaft der Werke unserer urbanen Grenzgänger wieder entlassen. Lassen Sie sich von der Städtemystik Claudia Tejedas entflammen oder hören Sie den Geschichten zu, die die Bilder von Lars Möller erzählen. Mir haben Sie schon zugehört, dafür danke ich Ihnen und wünsche einen schönen Abend.

 

Bernd Roloff